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2023

Alles was Recht ist

Schreibworkshop

Alles was Recht ist

Schreibworkshop

Das Projekt führt Akteur*innen aus unterschiedlichen Bereichen der Stadt Minden zusammen. Deutsche, Geflüchtete, Männer und Frauen, ältere und jüngere Menschen, queer oder nicht-queer führen mit Fachleuten aus dem Rechtsleben einen gemeinsamen Diskurs zu gesellschaftlichen Fragen.

Das Verständnis für die unterschiedliche Prägung von Menschen wird sich entwickeln, sowohl für die eigene wie auch für die der anderen.  Dies fördert das gegenseitige Verstehen und die Toleranz. Durch die Kommunikation werden Unsicherheiten und Ängste im Umgang mit den Institutionen aufgelöst und aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermöglicht. Die eigene Schreibarbeit der Teilnehmer*innen regt schriftliche und bildhafte Formen des Ausdrucks an. Die Erfahrung des respektvollen Umgangs durch andere beim eigenen Vorlesen macht Mut machen, das eigene Potential zu entfalten und gesellschaftliche Fragen selbst zu gestalten.

In jedem einzelnen Workshop nehmen wir Fragestellungen von deutschen und arabischstämmigen Teil-nehmer*innen aus geförderten Projekten des Jahres 2022 auf, z.B. zum „arabischen Frühling“. Deutsches Recht und arabisches Recht werden zu mehreren Themen in ihren Unterschieden gegenübergestellt, z.B. „Wie unabhängig bin ich als Frau?“ oder „Bin ich frei in meiner sexuellen Orientierung?“

Die Teilnehmer*innen werden ihre Bewertungen und eigene Erfahrungen niederschreiben, anschließend vortragen und darüber diskutieren: „Wie bin ich eigentlich geprägt worden, und welcher rechtliche Weg überzeugt mich?“.


Das Buch als Geisel – dürfen BÜCHER verbrannt werden?

Start der neuen Projektreihe am 20.10.2023

„Das Armesünderglöckchen läutet. Die Stadtmusikanten schlagen die Trommel, stoßen in die Trompeten. Langsam bewegt sich. der Zug zum Marktplatz. Dort ist über Nacht ein Galgen aufgebaut worden. Ein rotes Tuch ist ausgebreitet, wie immer, wenn ein Malefikant durch den Scharfrichter vom Leben zum Tod befördert werden soll.

Doch auf dem Esel, den die Henkersknechte am Strick führen, sitzt kein Todeskandidat. Eine mit Flammen bemalte Kiste schaukelt auf dem Rücken des Tieres. Am Blutgerüst greift der Henker in den bunten Sarg – und holt ein Buch heraus. Stadtschreiber malen den Titel auf große Bogen Papier und nageln sie an den Pranger, in allen vier Windrichtungen. Der Gerichtsbote verliest das Urteil über das zum Tod in den Flammen verdammte Buch. Der Richter hebt den Holzstab, der den Körper des Delinquenten darstellt – und bricht den Zweig entzwei. Jetzt spießt der Henker das Buch auf eine Mistgabel, zeigt es der Menge und wirft es in den mit brennendem Reisig gefüllten Kessel. Oft muss er mit der Gabel die Seiten wenden: Bücher wollen nicht brennen.

Jahrhundertelang hat Europa dieses Schauspiel erlebt. Oft wurde nicht nur ein Buch, sondern auch sein Autor zum Richtplatz geschleppt. Dort wurde ihm die "sündige" Schreibhand abgehauen, die Zunge ausgerissen und an den Pranger genagelt. Dann wurde er, zusammen mit seinem Werk, auf den Scheiterhaufen geworfen und in Flammen zur Hölle geschickt. Der Stockmeister und seine Blutknechte kehrten am Ende die Asche zusammen und streuten sie in den Fluss oder in die vier Winde.“ (Quelle: Die Zeit, 24.3.1989)

Der Jurist Carsten Stallbörger, Initiator und Projektleiter der neuen Reihe, hatte sich für die Eröffnungsveranstaltung viel vorgenommen: Aus historischer (Bibliothek von Alexandria, Buchhinrichtung in England oder in Mitteleuropa, Nationalsozialismus) , soziologischer, theologischer und juristischer Sicht sollte die folgende Fragestellung beleuchtet werden:

Darf die Bibel oder der Koran verbrannt werden?

Diese Thematik sorgte dafür, dass das BÜZ gut besucht war. Jung und Alt wollten darüber diskutieren und letztendlich einen Text zu dieser Fragestellung verfassen.

Die Idee zu dieser Veranstaltung resultierte aus einem noch aktuellen Anlass:

„Salwan Momika sitzt mit übereinandergeschlagenen Beinen in einem Hotelzimmer südlich von Stockholm. Der 37-jährige Iraker, dessen Aktionen Teile der islamischen Welt in Aufruhr versetzt und Schweden in diplomatische Nöte gestürzt haben, gibt sich betont gelassen. Als Christ sei er in seiner Heimat unter anderem von der Terrororganisation Islamischer Staat verfolgt worden - das habe in ihm einen tiefen Hass auf den Islam geschürt. Diesen Hass behielt er nicht für sich. Vor der Stockholmer Moschee zündete er den Koran an, spielte vor der irakischen Botschaft mit ihm Fußball. Aus Protest gegen diese Aktionen gingen im Irak, Iran und in Pakistan Tausende Menschen auf die Straßen. Deshalb fürchtet Schweden jetzt massiv um die Sicherheit des Landes, steht kurz davor, die Terrorwarnstufe zu erhöhen. Momika bereut nichts. "Warum sollte ich?", sagt er im ARD-Interview. "Das Problem bin nicht ich, sondern es sind diese diktatorischen Gesellschaften, diese islamistischen Gesellschaften, die ein Diktator erschafft." (https://www.tagesschau.de/ausland/europa/salwan-momika-100.html)

Eine zentrale Frage, die im BÜZ erörtert wurde, lautete: Handelt es sich um Gotteslästerung oder ist die Tat durch die Meinungsfreiheit gedeckt? Für Schweden gilt: „Als erstes Land weltweit hat Schweden 1766 die Pressefreiheit per Gesetz verankert, also vor mehr als 250 Jahren. Damit ist auch das Äußern der eigenen Meinung schon lange ein hohes Gut in dem Land. Der Straftatbestand der Blasphemie wurde 1970 abgeschafft, die Kritik an Religionen gehört zur Meinungsfreiheit.“ (Schweden streitet: Was darf Meinungsfreiheit?)

Und in Deutschland? Carsten Stallbörger zitierte dazu § 166 StGB sowie die Tatbestandselemente des § 166 StGB.

(1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten eines Inhalts (§ 11 Absatz 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. 

(2) Ebenso wird bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten eines Inhalts (§ 11 Absatz 3) eine im Inland bestehende Kirche oder andere Religionsgesellschaft oder Weltanschauungsvereinigung, ihre Einrichtungen oder Gebräuche in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören.

Diese Thematik führte zu umfangreichen kontroversen Diskussionen, die sich auch in den Schreibergebnissen wiederfanden:

  • Unterscheidung zwischen privater und öffentlicher Aktion
  • Öffentliche Aktionen wollen provozieren und verletzen
  • Verletzung der religiösen Gefühle
  • Tatbestand der Beleidigung
  • Symbolischer öffentlicher Akt zur Spaltung der Gesellschaft

Ein Text einer Anwesenden befasste sich mit der Darstellung eines Schweins am Kreuz, die blasphemisch und verletzend sein kann. 

Volker Papke-Oldenburg

Reden und nichts sagen

von Jochen Neuhaus

Papier zu verbrennen, ist zunächst in keiner mir bekannten Religion eine Sünde. Aber warum verbrennt jemand Papier? Er verbrennt kein Kochbuch, kein Telefon usw.

Deshalb kann man vermuten, dass es nicht um das Verbrennen von Papier (oder Stoff, wenn es eine Flagge ist) geht, sondern darum, eine symbolische Handlung zu begehen, mit der jemanden verletzt, gedemütigt oder gar getötet werden soll. Unser großer Dichter Heinrich hat in seinem Theaterstück „Almansor“ den Satz geprägt: „Wer Bücher brennt, verbrennt auch Menschen.“ Darum geht es auch, einen ganz niederen Hass und eine niedere Mordlust zu befriedigen.

Kein Gott, welcher Name ihm auch gegeben worden ist („Jahve“, „Elohim“, „Herr“ oder „Allah“), verlangt von den Glaubenden, Menschen aus Hass oder Rache zu töten oder sogar niederzumetzeln.

Viele sogenannte religiöse Riten und Regeln haben mit Glauben nichts zu tun; sie sind menschliche, meist stammesgeschichtliche Rituale, die meistens Herrschaft und Gewalt (z. B. gegen Frauen, niedere Kasten, Menschen mit Beeinträchtigungen usw.) sichern sollen.

Diese Rituale mögen religiös sein, mit Glauben haben sie nichts zu tun. Das Deutsche Wort „glauben“ stammt von „geloben“ ab und bedeutet „Vertrauen haben“. Wer andere ihrer Religion wegen unterdrückt oder ihnen gar nach dem Leben trachtet, hat kein Vertrauen (in seinen Gott, in die Welt, in der er lebt, in sich selbst).

Das gilt für die „Religiösen“ ebenso wie für deren Führe, seien sie Hohe Priester, Papst, Metropoliten oder Ajatollahs. Ihre Macht- und Mordgelüste haben die Welt in Katastrophen, schreckliche Kriege und ähnliches geführt.

Dem „Glaubenden“ sei ein Weg der Liebe und der Demut geraten; er findet zu sich selbst, verliert den Hass und kann das Leben in Fülle genießen

Jochen Neuhaus

Was glaubst Du, wer Du bist

von Gitte Michusch

Ein bisschen mehr Bildung täte Dir gut.
Hast Du Khalil Gibran gelesen?
Siddhartha gibt es in vielen Sprachen.
Schon mal etwas von Meister Eckehart gehört - mmh?
Ich schenke Dir eine Theaterkarte für Lessings Ringparabel
Vielleicht hilft´s - Nein?
Bitte nicht!!!
Doch Du verbrennst das Buch - so ein Zorn!
Tritts die Gefühle der Menschen mit Füßen!
Liebe geht anders!
Schwingst Dich auf und spielst Inquisition!
Meinst Du, du hättest die Weisheit mit Löffeln gefressen
und es gäbe nur eine Wahrheit?
Hast das heilige Buch gelesen,
kennst so manche Zeilen auswendig,
aber v e r s t a n d e n hast Du n i c h t s .