2019

Heimat: Videoclips

Videoworkshop

Das Projekt

Wir regen die Teilnehmer dazu an, ein eigenes Verständnis von Heimat zu finden - und sich nicht von der innenpolitischen deutschen Tagespolitik definieren zu lassen – und darüber kurze Texte im Poetry-Slam-Stil zu schreiben und vorzutragen.

In unseren bisherigen Projekten ging es um die Gegenüberstellung von alter und neuer Heimat. Wir merkten, wie der Heimatbegriff durch das Fluchtgeschehen wieder neu in unsere Gesellschaft hineingetragen wird.

Wir lassen jeden Teilnehmer seine persönliche Vorstellung von „Heimat in der Ferne“ beschreiben. Dieser Schritt individueller aktiver Bewusstmachung und Meinungsbildung ist elementar in unserer für sie neuen Gesellschaft, in die sie hineinwachsen wollen und in der gerade wieder von rechten Kräften populistischer Missbrauch mit dem Begriff „Heimat“ stattfindet. Um diesen zu entlarven, setzen wir die semantische Wortfeldarbeit beim Schreiben von Poetry Slam–Texten ein. Hier lernen die Teilnehmer mit Tiefgang und Spaß neue Wege kennen, ihre Anliegen auszudrücken und auf Spoken Word-Veranstaltungen öffentlich zu machen.

Parallel dazu lernen sie den aktiven Umgang mit einem populären Medium kennen: Sie filmen und schneiden eigene Videoclips von ihren Auftritten.

Besuch des Flüchtlingsheims in Kleinenbremen

Wir fahren nach Porta Westfalica, zum Ortsteil Kleinenbremen, um dort ein Flüchtlingsheim zu besuchen. Unterwegs erkundigen wir uns bei einem freundlichen Dorfbewohner nach dem Weg. "Ihr seid schon zu weit gefahren. Wieder ein Stück zurück, dort bei dem neuen Spielplatz, da ist es." Claudia Vogt bereitet uns einen herzlichen Empfang. Seit 4 Jahren betreut die diplomierte Sozialpädagogin hier geflüchtete Familien. Die meisten kommen aus Afghanistan, dem Iran und aus dem Irak. Sie wird im Nu umringt von einer fröhlichen Kinderschaar. Ich spüre sofort: "Die Kinder lieben die Claudia". Sie hat hier ihren Platz im Leben gefunden.

Jetzt eilt Cellou vorbei auf dem Weg zur Sparkasse, um dort noch schnell eine Überweisung zu erledigen. Er ist aus Guinea geflüchtet. Sein weiter Weg führte ihn über Mali, Libyen und von dort auf einem Flüchtlingsboot mit 139 Personen nach Lampedusa. Später zeigt er mir noch voller Stolz seinen Führerschein fürs Auto, den er hier gemacht hat. Nun gesellt sich ein sportlicher junger Mann aus Tadschikistan zu uns. Peter Küstermann nutzt die Gelegenheit, einige Sätze auf Russisch mit ihm zu wechseln. Wie wir erfahren, beherrscht der Geflüchtete die koreanische Kampfkunst Taewondo sehr gut.
So, nun zum eigentlichen Projekt, dessentwegen wir hier sind. Wir treffen uns mit 11 Kindern (das jüngste ist gerade einmal 6 Tage alt) und 3 Erwachsenen im Gemeinschaftsraum. In seiner original alten Postuniform, mit der er monatelang um die ganze Welt gereist ist und Mailart zugestellt hat, erklärt Peter allen, worum es heute geht. Aha! Flaschenpost ist das Stichwort. Die Geflüchteten sollen eine Geschichte aufschreiben, oder ein Bild malen. Alle Kinder sind äußerst konzentriert bei ihren Aufgaben. Ich bin fasziniert über ihre Offenheit, und über die sehr guten Deutschkenntnisse in Wort und Schrift. Die Dokumente werden sie später in die mitgebrachten Flaschen stecken. Dann noch fix ein Etikett fest drauf geklebt, auf dem steht: "Flaschenpost / Message in a bottle". Die ganze Flaschenpost übergeben dann Performance-Künstler aus aller Welt dem Mittelmeer bei der Eröffnung der Biennale in Venedig. So schließt sich der Kreis, denn viele der Geflüchteten sind über das Mittelmeer zu uns gekommen.

Mit im Projektteam ist Kameramann Phillip. Er dokumentiert alle erzählten Geschichten auf einem Video. Am 27. November 2019 wird der Film in Minden im Kulturzentrum BÜZ gezeigt werden, und alle Beteiligten sind herzlich eingeladen zu kommen. So, der Abschied naht, jetzt gibt es noch ein Gruppenfoto. Die Begegnungen an diesem Nachmittag haben mich emotional sehr stark berührt, und deshalb werde ich sicher ganz bald wiederkommen.

Helmut Hillerns

Liebe Gäste,

mein Name ist Melanie Linke und ich bin Ehrenamtskoordinatorin und Integrationsbeauftragte bei der Stadt Porta Westfalica. Ich möchte mich ganz herzlich bedanken bei den Teilnehmern des Workshops, die ihre Herzen für uns geöffnet haben und uns an ihren Ängste und Hoffnungen haben teilhaben lassen. Ihre Erzählungen zeigen uns, wie ähnlich die Erfahrungen der jungen Menschen und der Junggebliebenen hier im Saal sind, egal ob sie geborene Mindener oder zugezogen sind.

Besonders bedanken möchte ich  mich bei Frau Vogt und Herrn Haselau, die heute auch hier vor Ort sind und das Projekt „Flaschenpost“ in Kleinenbremen begleitet haben. Heute sind sie mit zwei geflüchteten Familien aus Porta Westfalica hier. Schön, dass Sie da sind.

Abschließend möchte ich mich natürlich auch bei Herrn Küstermann bedanken. Er hat es geschafft, dass wir uns heute alle hier versammelt haben und uns bewegen lassen von traurigen und auch von lustigen Erzählungen. Vielen Dank auch dafür, Herr Küstermann, dass Sie die Grenze für Ihre Kunstprojekte nicht um Minden herumziehen, sondern auch Menschen aus Porta Westfalica, Bielefeld und Melle einladen, ein Teil davon zu sein.

Mit freundlichen Grüßen

Melanie Linke

Unterprojekt Flaschenpost

Das Unterprojekt Flaschenpost wurde angeregt durch das Jahresthema "Wasser" der Friedrich-Wilhelm-Murnau Gesamtschule. In diesem Projekt lassen wir Geflüchtete sich das Drama der Flucht übers Mittelmeer von der Seele schreiben oder malen. Das Ergebnis wird dann wieder dem Mittelmeer anvertraut, in einer Performance mit internationalen Künstlern in Venedig am Eröffnungstag der Biennale.

Claudia Vogt von der Flüchtlingshilfe in Kleinenbremen/Porta Westfalica schreibt

Am Donnerstag war Peter Küstermann und sein Team bei uns in Kleinenbremen. Wir nehmen an dem Flaschenprojekt teil. Die Flaschenpost wird im Mai in Venedig in das Mittelmeer geworfen.. Teil der Biennale. In Kleinenbremen waren wir fast 20 Personen die gemalt und geschrieben haben. Im November wird ein Film über das Projekt im BÜZ in Minden gezeigt. Wir freuen uns sehr. 

Hurra! Angekommen!

Eine der Venedig ins Meer geworfenen Flaschen ist angekommen. Und zwar in Afrika. Genauer gesagt, in Kelibia in Tunesien.

Grußwort Georg Sander

Ich möchte Sie und euch mit einem zugegebenermaßen leicht abgewandelten Sprichwort (be-)grüßen: Ein jeder von uns spielt die Hauptrolle in dem Dokumentarfilm, der sich „Mein Leben“ nennt...
Wenn wir diesen Gedanken zulassen und unser Leben als Reise verstehen, ist dieser Film nichts anderes als eine autobiographische Reisedokumentation.

Im Zuge unseres Projekts „FeierAbend“ haben wir uns gegenseitig von besonderen Momenten auf unserer Lebensreise erzählt. Ich habe dabei folgendes Bild entwickelt:

Wir haben gemeinsam in einem Zug gesessen, alle in einem Wagon.
Es war in jeglicher Hinsicht eine besondere Reise: Im Grunde genommen war es gleichzeitig eine Reise im Nah- und im Fernverkehr.

Wie kann das sein?

Den Erzählungen zufolge bewegten wir uns – von kurzen Episoden abgesehen – innerhalb der Grenzen der Stadt Minden, befanden uns also in einer Stadtbahn.

Gleichzeitig änderte sich der Blick auf Minden an jeder Station, die wir erreichten. An jedem Halt war ein anderer Fahrgast der Reiseleiter und nahm uns mit auf seine Lebensreise. Wenn wir bedenken, dass mit dir, Willi, ein Passagier zur Reisegesellschaft zählte, dessen Lebensreise im Ausgangsbahnhof 1920 begann, beförderte uns der Zug mitunter in weit zurückliegende Zeiten. Wir saßen also gleichzeitig auch in einem Fernverkehrszug.

So oder so, ich habe die gemeinsame Reise als eine Zeit mit sehr intensiven Begegnungen erlebt und möchte sie nicht missen.

Ich danke allen, die an der Entstehung des Films beteiligt waren…

- euch Mitreisenden,
- dir, Frank, und natürlich
- dir, Peter.

Liebe mitreisende Männer, es war spannend, euren Geschichten und damit eurer Geschichte zu lauschen. …

Frank, wie ein Reisejournalist hast du dafür gesorgt, dass unser Leben nun nicht mehr nur in unserer Vorstellung, sondern – zumindest ein Stück weit – tatsächlich einen Film darstellt, in dem wir eine der Hauptrollen spielen.

Was für viele unserer Reisen gilt, lässt sich auf unsere gesamte Lebensreise übertragen: Uns bleiben häufig insbesondere die Highlights in Erinnerung. Deine sicherlich nicht immer leichte Aufgabe war es, aus der Fülle des Filmmaterials in den vergangenen Wochen genau diese Passagen auszuwählen.

Davon, dass dir dies gelungen ist, werden wir uns in wenigen Augenblicken ein Bild machen können.

Peter, du warst um im Bild zu bleiben unser Zugführer. So wie der Zug ein besonderer war, warst auch du ein besonderer Zugführer. Denn so wie das Leben keinem strengen Drehbuch folgt, hast du es auch mit dem Kursbuch nicht allzu genau genommen.

Du hast im Verlauf der Reise jedem Passagier die nötige Zeit gegeben, sich zu Wort zu melden, um über sich und sein Leben in Minden zu erzählen, und hast dabei

- Umwege,
- Nothalte,
- Stillstand,
- Verspätungen,
- Gedränge
- …
zugelassen.

Als Leiter des Treffpunktes Johanniskirchhof, quasi als dortiger Bahnhofsvorsteher, danke ich dem BÜZ für die langjährige Kooperation. Und dir, Peter, rufe ich zu: „Nimm uns im nächsten Jahr wieder mit auf Reisen!“

Sehen Sie nun also „Minden – mein Kiez“ oder in Abwandlung von „Men in black“: „Men look back“…

Viel Spaß dabei.

Georg Sander
Geschäftsführer
Treffpunkt Johanniskirchhof

Flaschenpost

Die Galerie wird regelmäßig erweitert. 

Flaschenpost-Video

Zielgruppe

Junge Poetry Slam-Poeten mit Migrationshintergrund und jugendliche Geflüchtete 

Förderer

Land NRW

LAG NRW

Dr. Strothmann-Stiftung

Ernst Böcker GmbH und Co. KG

Kooperationspartner

Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Kleinenbremen

Weserkolleg Minden

Friedrich-Wilhelm-Murnau Gesamtschule Bielefeld

Herder-Gymnasium Minden

Giancarlo da Lio, Venedig

Laura Cristin, Bagnaria Arsa

Kinder- und Jugendtreff Westside, Minden

Betreuergruppe Hafenschule Minden

Presse

Flaschenpost aus Kleinenbremen
Porta extra, Mai 2019 

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