2021

Briefe in die Zukunft

Literaturprojekt

Briefe in die Zukunft

Wir bringen zwei bisherige Zielgruppen intergenerativ sowohl wie interkulturell neu zusammen. Jede hat spezifische inhaltliche Wünsche auf Grund ihrer Erfahrungen in der Corona-Zeit. Die einheimischen Teilnehmer*innen der älteren Generation äußerten in einem früheren Projekt den Wunsch, Botschaften für eigene Kinder und Enkel zu hinterlassen. Für die Geflüchteten und die Teilnehmer*innen mit Migrationsgeschichte steht dagegen im Vordergrund die Suche nach einer zeitgenössischen Ausdrucksform, die sie über Grenzen hinweg mit anderen Menschen verbindet - und das in einer literarischen Form, die über das Niveau einer Alltagsnachricht in den sozialen Medien hinausgeht.

Beide Wünsche verbindet ihre hohe Authentizität als Zeitzeugen, die ihre Erfahrungen in der Isolation bearbeiten wollen: mehr Zeit daheim, eine nie dagewesene Lebenssituation, Zurückgeworfenheit auf das eigene Selbst, Sorgen um die Zukunft, aber auch Erfahrung des Home Office als Chance, Wahrnehmung des Werts zwischenmenschlicher Beziehungen über Distanzen hinweg. 

Schreiben in die Zukunft erhält durch Corona einen neuen Stellenwert. Deshalb wählen wir als Textformen den Brief und das Tagebuch aus. Beide werden in dieser Veranstaltungsreihe von kompetenten Workshopleiter*innen  als literarische Genres präsentiert, von Goethes Liebes-Briefen über das Tagebuch der Anne Frank bis zu den literarischen Blogs der "Kaffeehaussitzer".

Kogge-Autor*innen und Meisterschafts-Slammer*innen stellen eigene Blogs vor mit ganz vielen  Schreibtipps und -tricks in praktischen Übungen. Die persönliche Begegnung mit den Autor*innen ist für alle sehr bereichernd.

Wir bieten den Teilnehmer*innen an, anschließend ihre Texte auf den Poetry Slams in unserem Hause live vorzutragen. Und hier in unserem Digital Museum of Arts auf www.buezdigital.de werden alle entstandenen Texte wieder eine vielfältige spannende Sammlung mit Anthologie-Charakter bilden. Hier dokumentieren wir auch wieder den Projektverlauf.

Förderer

ibk kubia

Regionale Kulturförderung OWL

Dr. Strothmann-Stiftung

WAS SOLL ICH TUN? „GEDANKEN-BRIEFE AN MEIN GEWISSEN“

Philosophischer Workshop mit Volker Papke-Oldenburg am 21.05.

Sollen oder müssen wir anderen Menschen helfen? Müssen wir uns für soziale Gerechtigkeit einsetzen und uns im Kampf gegen den Klimawandel engagieren? Was ist mit dem Schutz der Arten in Flora und Fauna? Oder mehr. Oder gilt: Ich mache nur das, was für mich oder meine Gruppe nützlich ist? Zählt nur mein eigenes Ich und mein Eigentum?

Der Schreibworkshop hatte das Ziel, verschiedene ethische Positionen kennenzulernen, zu beleuchten und zu einer kritischen Auseinandersetzung zu befähigen. Mit unterschiedlichen Zitaten für die Teilnehmer*innen sollten Gedanken-Briefe oder kurze Essay-Formen entwickelt werden, die in einem Austausch lebendige Diskussionen ermöglichen und zu mehr anregen sollten.

Philosophische Vorkenntnisse waren nicht erforderlich.

Briefe an meine Mutter – Renate Folkers' Textworkshop im Kulturzentrum B Z am 30.04.2021

Renate Folkers ist noch gut bekannt in Minden, hat sie doch für etwa fünfzehn Jahre hier gelebt und hier auch 2009 angefangen zu schreiben. Sie war Mitglied der hiesigen Lesebühne und verlagerte ihren Lebensmittelpunkt vor einigen Jahren nach Hannover, wo sie inzwischen vor allem als Autorin spannender hoch- und plattdeutscher Kriminalromane erfolgreich ist, die vorzugsweise in ihrer eigentlichen Heimat spielen: Renate Folkers ist auf der friesischen Halbinsel Nordstand geboren, wohin es sie auch immer wieder einmal zurückzieht. Für die aktuelle Briefe-Reihe im Kulturzentrum BÜZ hatte sie jedoch eine ganz andere, viel persönlichere literarische Form im Gepäck: „Briefe an meine Mutter“.

Wenn es um Briefe geht, geht es um eine besondere Form der Kontaktaufnahme; es bleibt mehr Zeit zur Genauigkeit als bei der direkten mündlichen Ansprache, das Nachdenken über einzelne Formulierungen nimmt größeren Raum ein. Der Brief ist auch, wie Moderatorin Doris Pütz in ihrer Einführung anmerkte, selbstentlastend, insbesondere bei einer Ansprache der Eltern, die oft Brüche und Verwerfungen thematisieren muss wie etwa bei Kafkas Brief an den Vater. Briefeschreibende geben etwas preis von sich, und nicht zuletzt, wie Goethe es formuliert hat, gehören Briefe zu den „wichtigsten Denkmälern, die der einzelne Mensch hinterlassen kann“, sei der Brief „eine Art Selbstgespräch“.

Und wie ein Selbstgespräch mutet auch der Brief an die verstorbene Mutter an, mit dem Renate Folkers beginnt. Aus der Distanz von fünfzig Jahren nach dem gemeinsamen Tod der Eltern durch einen Autounfall nähert sie sich ihrer Kindheit, die geprägt war vom frühen Tod ihrer  älteren Schwester Elisabeth. Die Mutter musste geschont werden, ein Verhältnis des Unausgesprochenen, des Schweigens und ein Gefühl ständiger Unfreiheit waren die Folgen. Erst spät konnte die Autorin damit anfangen, zu „schreiben und [zu] weinen, bis alles einen guten Platz hatte“. In Träumen erscheint ihr in einer Atmosphäre von Angst und Hoffnung das Haus der Kindheit, sie will „das Erlebte einfach nur wegschlafen“, im Wachzustand gibt sie sich Erinnerungen an die fehlende Aufmerksamkeit der Mutter hin und den fehlenden Abschluss in ihr selbst: „Mit Dir ist eine Frau gestorben, die ich nicht wirklich gekannt habe.“

Die Resonanz der Teilnehmenden ist stark und einfühlsam, viele vor allem der  Älteren fühlen sich in Eigenerlebtes zurückversetzt. Eine Teilnehmerin muss gar in einer erinnernden Gefühlsaufwallung kurzzeitig den Raum verlassen.

Im weiteren Verlauf des Briefes an die Mutter spricht Renate Folkers den emotionalen Hunger an, der andauerte, bis sie selbst Mutter war und lernte, verantwortliche Entscheidungen selbst zu treffen. Ihre Situation als Kind, „einsam und bedürftig nach Gesehen- und Liebgehabt-Werden“ mündet abends im Bett in lautes Rufen, Weinen und Beten und die Entwicklung einer nächtlichen Parallelwelt aus kleinen Wichten und Gnomen, die ihr Gesellschaft leisten und in einem Dorf unter ihrem Bett wohnen. Mit diesem „schönen Geheimnis“ sublimiert sie die Einsamkeit, fühlt sich weniger allein.

In der nun folgenden Schreibphase kamen bei den Teilnehmenden ganz unterschiedliche Ansatzpunkte für einen Brief an die Mutter zum Tragen. Während etwa eine Jugendliche mit schlichten, aber bewegenden Worten ihre offensichtlich ganz und gar ungebrochene junge Liebe zur Mutter zum Ausdruck brachte, berichtete eine Schreibende von der anhaltenden Präsenz der schon seit vielen Jahren toten Mutter. Liebe zeigen und  äußern bleibe schwer über den Tod hinaus. Manchmal geht es auch um kleine Alltagsdinge, etwa die Beichten um verlorenes Einkaufsgeld oder die verpasste Englischklausur – entscheidend ist bei allen jedoch der Anstoß, selbst den Blick zu heben und die Ansprache in einer oft schwierigen Situation zu wagen, geordneter und reflektierter, als dies mündlich möglich wäre.

Die abschließenden Rückmeldungen zeugten von der vertrauensvollen Atmosphäre, die die Runde aufbauen konnte; es sei fast wie in einem „Stuhlkreis bei der Gruppentherapie“ gewesen, befand jemand. Positiv wurden auch die vielen Ansatzmöglichkeiten und die sehr bewegenden, ehrlichen Einlassungen der Teilnehmenden bewertet. Renate Folkers' Workshop war ein gelungener Beitrag zu der Erkenntnis, wie stärkend und klärend die Form des Briefes für die Bew ltigung auch des eigenen Lebens sein kann.

(Marcus Neuert)

Schreibphase

Wo ist der Anfang des Geschehens? Wo kann etwas beginnen in mir, was noch lange nicht zu Ende ist? Vielleicht muss ich mich der Frage nähern, was mein Verhältnis zu Dir so besonders macht im Vergleich zu den allermeisten Erzählungen, die ich von anderen Menschen kenne, wenn sie sich über ihre Mütter äußern. Meistens geht es bei ihnen um eine Form von Vernachlässigung, sei es emotionaler oder auch ganz praktischer Art. Es geht um ein „zu wenig“ an Mutter. Das war nie mein Problem, von allem erinnerten Anfang nicht, im Gegenteil. Ich habe ein Gedicht von vor etwa zehn Jahren in Erinnerung, in welchem ich meine Kindheit als „überbrütet“ bezeichnet habe. Du warst das, was man vielleicht heute als „Helikoptermutter“ bezeichnen würde – eine unglaublich nervös agierende Person, ständig voller Angst vor eigenen Fehlern in Bezug auf das, was Dir offenbar von irgend woher als „gute Mutterschaft“ vorschwebte.

Du warst eine erfolgreiche Malerin, ein kreativer Geist, der in vielerlei Hinsicht auf mich „abfärbte“, vor allem später, als ich meinen eigenen Weg ins Schöpferische fand. Doch in der Kindheit war das nur sehr schwer zu ertragen. Ich, das Einzelkind, fühlte mich nie als ein eigenständiges Wesen, ich ging gewissermaßen auf in Dir. Ich war Dein Geschöpf, und das ließest Du mich immer spüren. Es gab keinen Schritt, den Du nicht überwachtest. Besonders die Zeit bis zu meinem vierten Lebensjahr bleibt zwar für mich komplett im Dunkel, ich habe (wie viele Kinder) praktisch keine eigenen Erinnerungen daran. Aber ich habe Empfindungen, die in diese Zeit zurückreichen, und die flüstern von Dingen, die ich Dir nicht zu schreiben wage, weil ich damit eine Grenze der Spekulation überschreiten würde. Noch weiß ich nicht weiter. Das ist noch kein Anfang für einen Brief.

(Marcus Neuert)

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