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2022

Auf DU und DU mit dem Anderen

Textwerkstatt

Auf DU und DU mit dem Anderen

Textwerkstatt

Wie selbstverständlich gehen wir mit dem "Anderen" um? Mit Abstammung und Herkunft, Migration, Handicap, aber auch sozialer Differenz, Meinungsfreiheit und Toleranz?

In einem sich zunehmend verhärtenden gesellschaftlichen Klima setzen wir uns auf vielfachen Wunsch von Teilnehmenden vorangegangener Textwerkstätten schreibend auseinander mit Gegenpositionen – mit Hilfe eigener literarischer Verarbeitung unter Anwendung interdisziplinärer Schreibimpulse aus der Welt der bildenden Kunst, der Musik, der Tanz- und Schauspielperformance sowie der Sensibilisierung der eigenen Wahrnehmung.

Unter dem Motto "Auf DU und DU mit dem Anderen" werden wir in von einem interdisziplinären und kompetenten Team betreuten Workshops literarisches Arbeiten mit der Vermittlung von Medienkompetenz (u.a. Videoaufzeichnung der Texte, mit den Teilnehmenden organisierte Abschlusslesung), von kulturellem, politischem und sozialem Selbstbewusstsein und einem spielerischen Ausbau sprachlicher Möglichkeiten verbinden.


Sparkasse Minden-Lübbecke

auf dem weg durch das schweigende land

gedichte von jochen und bilder und zeugnisse von michael und jochen neuhaus


Das Finale

24.10.2022

Im BÜZ fand die Abschlussveranstaltung des Projekts Textwerkstatt “AUF DU UND DU MIT DEM ANDEREN” als Workshop mit einem Rückblick auf die Themen des Jahres  und die in den Schreibworkshops entstandenen Texte statt.

Nach einer Begrüßung der Teilnehmer*innen durch Peter Küstermann moderierte der Kogge-Autor und Projektleiter Marcus Neuert das Finale.

Der Abend begann mit der Präsentation der Dokumentation des Projekts und dessen Workshops auf www.buezdigital.de, die aus der Projektbeschreibung, dem Benennen der Förderer und der Kooperationspartner und den Berichten zu und den Texten aus den einzelnen Workshops besteht. 

Im Revue passieren lassen wurden dann die Themen der einzelnen Workshops, wie Märchen - die Schwierigkeit der Kommunikation mit dem Anderen - die musikalische Inspiration mit Silent Sounds - wie würde ich leben, wenn ich nur noch ein Jahr zu leben hätte? - Erpresserbriefe an die Regierung, aufgegriffen und die veröffentlichten oder durch die Teilnehmer*innen noch für diesen Abend ergänzten Texte vorgelesen.

So wurde zum Workshop “Die Weiber können die Redekunst wohl”, der Märchen zum Gegenstand hatte, an den dreistufigen Aufbau von Märchen erinnert: 1. das Geschehen, 2. die Krisensituation, 3. die Lösung. Das veröffentlichte Märchen “Die dumme Marie” war eine Geschichte mit autobiographischen Zügen über die Mut machende Inspiration von Märchen. Ein anderer Text setzte sich reflektierend mit dem Ordnungsaufbau von Märchen auseinander. Ein weiterer erzählte von einem autobiographischen Sommertagstraum mit dem Auffinden eines Schatzes durch ein Kind, träumend auf der warmen Teerpappe des Daches eines Hühnerstalls.

Zum Workshop “Geht nicht, gibts nicht” mit Renate Volkers wurde ein Text mit Gedicht und autobiographischen Zügen über eine Freundschaft mit einer Künstlerin veröffentlicht. Die Kurzgeschichte “Bilder”, erzählte die Geschichte eines Jungen, der wie die Mutter Künstler werden wollte, nicht jedoch mit Farben, sondern mit Worten Bilder malen wollte.

In Erinnerung des musikalischen Workshops “Silent Sounds” verlas eine Teilnehmerin eine für diesen Abend noch erweiterte, bewegende Geschichte über die Entwicklung der Beziehung zu ihrer behinderten Tochter.

Die Antworten des Workshops zu der Frage, was ich tun würde, wenn ich nur noch  ein Jahr zu leben hätte, führten zum bewussten Genießen der verbleibenden Zeit im Moment.

Zum Workshop “Erpresserbrief an die Regierung”  wurden die aus Zeitungsausschnitten zusammengestellten Texte präsentiert.

In der Schlussrunde drückten die Teilnehmer*innen ihre Begeisterung über die vielen interdisziplinären Schreibimpulse im Laufe des Jahres aus. Diese hatten sie zur fruchtbaren und mutigen Auseinandersetzung mit den eigenen Gedanken und Gefühlen in immer neuen Kontexten geführt und zu zahlreichen Formen des Ausdrucks wie Kurzgeschichten, Gedichten, Märchen inspiriert.

Carsten Stallberger


"Die Weiber können die Redekunst wohl" mit einer Märchenerzählerin

- Workshop mit einer Märchenerzählerin

26.09.2022

Anke Ilona Nikoleit, in Berlin lebend, war an diesem Abend zu Gast im Rahmen der Workshopreihe „Auf Du und Du mit dem Anderen“. Zunächst skizzierte sie ihren Lebensweg, welcher nach dem Abitur und einer Ausbildung zur Landmaschinenschlosserin in einem Ingenieurs-Studium mündete. Erst während der letzten zehn Jahre widmete sie sich stetig der Märchenkunst sowie der Malerei. Im Jahre 2017 während des Luther-Jahres hatte sie ihr erstes Engagement im BÜZ. In Anspielung auf Martin Luthers Zitat „Die Weiber sind von Natur beredet und können die Redekunst wohl“ wurde nun von ihr der abgewandelte Aphorismus „Die Weiber können die Redekunst wohl“ verwendet. Ziel des Workshops sollte das Schreiben eines eigenen Märchens für Erwachsene sein.

Zu Beginn erläuterte die Referentin in einem umfangreichen theoretischen Teil die geschichtliche Entwicklung, das Narrativ und die Struktur von Märchen. Ferner den Bogen des Anfangs, des Verlaufs und des Ausgangs eines Märchens. Zitate: „Märchen sind MUSE. Märchen sind Geschichte, gefühlt, gelebt und erzählt von Anbeginn der Zeit. Das Erzählen ist das Konglomerat aus der Rede und der Kunst, aus der Geschichte der Menschheit und dem Geschick, das zu übermitteln. Wenn Menschen sich erzählen, ist das bereits KULTUR. Das Erzählen ist Kulturerbe.“ Oder: „Zähle bis drei. Und schließlich ist es Goethes Hexe mit Ihrem wirren Spruch, dem Hexeneinmaleins. Sie spricht es in der Hexenküche in Faust I und setzt damit alles in Bewegung.

  • Du musst verstehn!
    Aus eins mach zehn
    und zwei lass gehn
    und drei mach gleich,
    so bist du reich!“

Ferner berichtete Anke Ilona Nikoleit über ihre persönliche Initiation zur persönlichen Kehre mit „Ich wurde an einer Birke geboren, auf der Höhe der Birke in einem Krankenwagen.“ Die Suche und das Finden dieser Birke wurden für sie zum Schlüsselerlebnis. Daraus erfolgte ihre „Inauguration“ in die Märchenkunst.

Das anwesende Publikum war zunächst „baff“ angesichts der vielen Theorieaspekte und hatte etliche Verständnisfragen, war doch die Gruppe äußerst heterogen besetzt – auch zum Beispiel mit Geflüchteten, die Verständnisprobleme mit Begrifflichkeiten hatte. Diese Probleme wurden besprochen und mit den Vorarbeiten zum Schreiben konnte begonnen werden.

Auf grünen Kärtchen sollten Archetypen benannt werden. Eine zweite Anwendung bestand darin, dir fünf Sinnesorgane mit einem Erlebnis aus der Kindheit oder Jugend zu assoziieren.

Nach dem Abfragen der jeweiligen Ergebnisse konnte mit der Schreibphase begonnen werden. Sie dauerte 30 Minuten. Nach einer Pause lasen die Teilnehmenden ihre kreativen Ergebnisse vor. Wie in jedem Workshop konnten sehr inspirierende Lyrik- oder Prosa-Texte bestaunt und gewürdigt werden. Mit den Ergebnissen bestätigte sich, dass der einleitende theoretische Part sich als sinnvoll erwiesen hatte. Einzelne Ergebnisse oder Versuche wurden vorgestellt.

  • Das Mütterchen, welches bei „seinen Leisten bleiben soll“, und sich nicht von einem Fräulein zu Höherem inspirieren lassen soll.
  • Im tiefen Schlaf werden Geräusche und Stimmen wahrgenommen. Ein Teufel suggeriert „Du bist mein Nachfolger“.
  • Im Sommer gackern Hühner, die Kirschbäume sind voll mit reifen Früchten. Ein Kobold fällt einem Mädchen vor die Füße und das Mädchen staunt über Gold und Edelsteine.
  • Ein Junge spielt mit Stofftieren – Bär und Igel - und hört Stimmen der Mutter. Dabei riecht er Ölfarben aus dem Besitz der Mutter. Der Bär spricht mit ihm: „Werde auch Maler“.
  • Prinz Abdulah will nicht über sein Königreich regieren. In einem Traum findet er eine Königin namens Kamila und lebt mit ihr bis zum Ende.
  • Ein vierjähriger Junge geht in ein Knusperhäuschen. Dort ist eine Hexe, die seinen Vater verführt. Mama wird dick und gebiert ein Schwesterlein.
  • Die Furcht vor einem Riesen, der das Fremde symbolisiert. Dieser steht am Waldrand und hat sich ein kleines Dorf ausgesucht. Sämtliche Türen sind verschlossen. Furcht ist allerdings nicht nötig.
  • Die Eltern sagen, dass Marie dumm sei. Sie hat ein hartes Leben und tut, was man von ihr verlangt. Marie träumt von einer Fee und einem besseren Leben. Ein Lehrer erkennt ihre Stärken und fördert sie, so dass sie später selbst Lehrerin wird.
  • Knisterndes Feuer bei Brombeergeschmack, der Vater erzählt Geschichten vom Sturm und die Vorfreude auf beschmierte Brote.

In einer Feedback-Runde wurde die Tatkraft der Schreibenden gelobt, auch wenn nicht sämtliche Texte die Kriterien von Märchen erfüllt hatten.

Zum Abschluss verwies Markus Neuert auf die abschließende Sitzung am 24.10.2022, wozu alle herzlich eingeladen sind.

Volker Papke-Oldenburg

 

Die dumme Marie?

von Doris Pütz

Es war einmal ein kleines Mädchen, Marie. Sie lebte vor vielen, vielen Jahren auf einem Bauernhof, weit ab von einer Stadt, einsam an einem Wald gelegen. In der Familie gab es fünf Geschwister. Marie war das vorletzte Kind. Die Mutter wollte eigentlich keine Kinder mehr, als sie mit Marie schwanger war, aber es war passiert.

Das Leben auf dem Hof war nämlich hart und voller Entbehrungen. Ja, es gab genug zu essen, so dass jeder satt wurde, keiner musste frieren, aber Zeit füreinander blieb nicht. Jeder musste von klein auf mithelfen bei der oft so harten Arbeit.

Marie war still und tat was man ihr sagte. Keiner beachtete sie weiter. In der Schule lernte sie mit Feuereifer lesen und schreiben. In ihrem Lesebuch stand ein Märchen. Sie las es immer und immer wieder und von da ab zog Freude in ihr Herz ein.

Jeden Abend vor dem Einschlafen träumte sie nun von der Fee aus dem Märchen. Die Fee kam aus dem nahegelegenen Wald heraus, umgeben von Hasen und Rehen, die sie freundlich anschauten. Die Fee sprach:

„Dein Leben wird schön.“

Marie fragte jedes Mal ganz aufgeregt: „Liebe Fee, aber wie?“

Und dann verschwand das Bild und Marie war wieder alleine, aber sie vermochte nun jede Nacht voller Hoffnung einzuschlafen.

Und dann geschah es:

Eines Tages kam der Lehrer von Marie zu den Eltern und sprach:

„Euer Kind, Marie, ist sehr sehr klug. Sie sollte auf eine gute Schule in der Stadt gehen. Und unser Bürgermeister wird das Schulgeld dafür bezahlen.“

„Ach was“, sagten die Eltern, „Marie, sie ist doch die dümmste von unseren Kindern. Nehmt unseren ältesten Sohn. Er ist der Klügste, er ist der Tüchtigste hier, doch nicht die dumme Marie…“

Aber der Lehrer bestand auf seiner Meinung.

So kam Marie in die Stadt. Sie konnte viel lernen und wurde selbst eine Lehrerin, weil sie sich immer an ihren guten, alten  Lehrer erinnerte. Sie sorgte sich besonders um die stillen und nicht beachteten Kinder. Sie fühlte die Liebe ihrer Schüler und war glücklich und zufrieden.

Oft an den Abenden dachte sie noch an ihre gute Fee. Sie hatte ihr Hoffnung gegeben, Kraft und Zuversicht.

In jedem Leben gibt es schwere Zeiten und Märchen und Fantasien helfen uns diese zu überstehen. Marie versuchte stets, dies an ihre Kinder weiterzugeben, denn

Eine Fee kann im Leben eine größere Bedeutung haben als alles Wissen um die Einmaleinsreihen und die korrekte Rechtschreibung.

Ein Sommertagstraum

von Birgit Engelking

Einstmals ein Sommer, so warm, die reifen Glaskirschen leuchteten gelbrot im alten, knorrigen Baum, die Hühner scharrten emsig im Hof, gackerten laut, pickten Körner – und das kleine Mädchen kletterte wieder einmal behende über den Pflanztisch der Oma auf das Dach des Hühnerhauses, lag dann bäuchlings ausgestreckt auf der warmen, weichen Teerpappe, und ein freundlicher Windhauch streichelte ihr erhitztes Gesicht.

Das helle Leuchten der Kirschen, das wilde Gackern der Hühner und der starke Duft der Teerpappe verschwammen in diesem magischen Moment mit dem gleißenden Licht der Sonne und kreuzfidel, schau an, kugelte da doch ein kichernder Kobold mit roter Zipfelmütze auf dem warmen Dach herum, sprang und tanzte ausgelassen umher, stolperte über die eigenen Füße und fiel dem erstaunten Mädchen direkt vor die Nase.

Und als wäre das eine Einladung gewesen, folgte ihm eine fabelhafte Reihe bunter, tanzender Wesen, die das kleine Mädchen mitnahmen und forttrugen zu einem gewaltigen Goldschatz in einem tiefen, dunklen Gebirge.

Das kleine Mädchen staunte über das gleißende Gold, die funkelnden Edelsteine und matt schimmernden Perlen, die dort in einer blaugrün glimmernden Höhle in riesigen eisenbeschlagenen Truhen leuchteten. Wie gerne wäre es noch lange in dieser Höhle geblieben, wie gerne hätte es sich ein paar Geschmeide ausgesucht und mitgenommen, doch die bunte Koboldschar klabauterte laut durch die Höhle, die bunten Wesen kicherten und tanzten weiter ihren wilden Reigen. Die kleine Gesellschaft verschwand, wie sie gekommen war, tanzend und fröhlich singend. Zugleich kam ein kräftiger Wind auf und trug das Mädchen, ehe es sich versah, wieder fort aus der tiefen Berghöhle.

Und siehe da: die gackernden, pickenden und scharrenden Hühner, die goldgelb leuchtenden Kirschen am Baum und der deftige Geruch der warmen Teerpappe holten das verdutzte Mädchen wieder in den hellen Sommernachmittag auf dem Hühnerhausdach zurück.

Was ist das für ein Abenteuer gewesen!

ein autobiographisches Märchen,
entstanden in 10 Minuten im Märchen-Workshop am 26.9.2022


"Geht nicht gibt's nicht" mit Renate Folkers

29.08.2022

Am 29.08.22 war die Autorin Renate Folkers zu Gast im BÜZ im Rahmen des Schreibworkshops “AUF DU UND DU MIT DEM ANDEREN”. Sie brachte eine eigene Antwort auf die manchmal schwierige, komplizierte oder unmögliche Umsetzung der Frage, welcher Weg der richtige sei, um auf Du und Du mit dem Anderen zu sein, mit: “GEHT NICHT GIBT´S NICHT” lautete ihr Motto.

Renate Folkers ist waschechte Ostfriesin aus Husum und hat auf ihrem Lebensweg 14 Jahre Station in Minden gemacht. Als Autorin mit einer weitgefächerten Bandbreite an Texten, u.a. Krimis und Gedichte, hatte sie die Aufgabe, mit drei Texten die Teilnehmer*innen zu inspirieren, sich dem herausfordernden Thema des Abends zu nähern und sich zu öffnen, sich zu erinnern für die schwierigen Momente der Kommunikation mit dem Anderen und eventuell Lösungswege zu finden.

Nach einer kurzen Begrüßung der Teilnehmer*innen und des Gastes durch Peter Küstermann übernahm der Initiator des Workshops Marcus Neuert die Moderation und erläuterte den Ablauf des Abends. Nach dem Vortrag der Texte durch Renate Folkers bekamen die Teilnehmer*innen 30 Minuten Schreibzeit, um im selbst gewählten Format, z.B. Gedichte oder Kurzgeschichte, sich frei in ihren Gedanken und Gefühlen mit dem Thema auseinanderzusetzen. Nach der Schreibzeit und einer kurzen Pause, für die Brötchen und Getränke zur Erfrischung bereit standen, konnten die Teilnehmer*innen ihre Texte vorlesen, die Zuhörenden auf das Vorgelesene reagieren und ihre Ansichten mitteilen.

Im ersten Text beschrieb Renate Folkers die Begegnung mit einem Jugendlichen der Tattos hatte und einen Ohrring mit einem Tunnel von 1,5 cm trug, beschrieb ein offenes freundliches Gespräch mit einem selbstbewussten Jugendlichen, der mit seinen Eltern sprach und seine Entscheidungen in Bezug auf Aussehen und Ausbildung selbst traf. Und setzte ihre eigenen Erfahrungen als Jugendliche dagegen. Eine Zeit, in der ihre Eltern sie bis zum 18 Lebensjahr bestimmten, sie tun musste, was die Eltern sagten, z.B. etwas Anständiges lernen. In ihrem Resümee ging der Punkt für gelungene Kommunikation klar an die heutige Jugend und ihre Eltern.

Der zweite Text beschrieb das Scheitern des Versuchs, auf einen Menschen zuzugehen, von dem man 15 Jahre getrennt war. Das Ziel war die Versöhnung mit dem Anderen und der gemeinsamen Zeit, die scheiterte, weil der andere es nicht wollte. Dessen Gebrüll “Laß mich in Ruhe”, wirkte wie eine Faust im Magen. Das Scheitern gehört als Möglichkeit zum Versuch dazu. Genauso wie der Mut, den anderen unabhängig von den Erfahrungen wertfrei anzuschauen, auf ihn zuzugehen und dann zu entscheiden, ob es für ein Du reicht.

Im dritten Text zitierte der Gast Passagen eines Artikels der Süddeutschen Zeitung über Religionsunterricht für alle monotheistischen Religionen, unterrichtet von Lehrern unterschiedlicher Konfessionen. Diese Methode des Erlernens der Vielfältigkeit, des Lernens von und mit den Anderen stand im Gegensatz zu den eigenen Erfahrungen als Kind in Husum, dass als hineingepresst werden in eine einzige religiöse Vorstellung und Dogmatik empfunden wurde. Es fehlte die positive Grundstimmung und Toleranz als Grundlage für ein auf Du und Du mit dem Anderen.

Inspiriert von diesen Texten über das Gelingen und Scheitern von Kommunikation begaben sich Teilnehmer*innen in die 30 minütige Schreibzeit, jeder beschäftigt mit sich, seinen Gedanken und Gefühlen, und in seiner ganz eigenen Körperhaltung in einer angenehmen, angespannten Stille der Konzentration.

Nach der sich daran anschließenden kurzen Pause trugen die meisten Teilnehmer*innen ihre vielfältigen Werke vor.

Einer schrieb zwei Gedichte, die er zu einem zusammenfasste. Beschrieb einen Blick im vorbeifahrenden Zug, der Andere getrennt, beide aus zwei Kulturen, die zwei unterschiedliche Welten bedeuten und der Frage: “Wie soll man wissen, wie er ist, wenn man nicht zusammen spricht?”. Eine Andere schrieb eine Kurzgeschichte über die Erfahrungen in einem kleinen Dorf, in der sich die Bewohner eine Ausstellung mit Blumen und konservativen Inhalten wünschten, die Künstlerin sich darauf einließ, aber im Grunde ihres Herzens abstrakte Werke vorzug und dieses in Malworkshops lebte. Man sollte Menschen mit Geduld und Neugier begegnen, um ihre wahren Werte zu erkennen, war ihr Resümee. Ein Weiterer beschrieb in seiner Geschichte finstere Gesellen, denen er angstvoll in der nacht in der Stadt begegnete, Araber oder so. Sein Vorurteil, seine Ängste wandelten sich ins Gegenteil, als einer der finsteren Gesellen ihm anbot, seine Tasche zu tragen. Heute arbeiten sie zusammen. Ein Anderer würdigte den Wert, sich real auf einen Menschen einzulassen, Auge in Auge und nicht in die Abhängigkeit der Begegnung in den sozialen Medien zu verfallen. Zu guter Letzt schrieb jemand, dass er Moslem sei, weil er so geboren wurde. Es sei für ihn der richtige Weg, er fühle sich wohl, es sei ein Weg des Friedens, der nur möglich ist mit Respekt vor und für den Anderen.

Jeder Vortragende erhielt Applaus von den Anderen und wertschätzende Rückmeldungen für die offenen und beeindruckenden Arbeiten über das Gelingen und Scheitern von Kommunikation mit dem Anderen.

In der abschließenden Runde wurden die vielfältigen  Werke und Aussagen noch einmal mit gegenseitigem Respekt zusammengefasst.

Carsten Stallbörger

Magdalene

von Gitte Michusch

Als ich noch im Vorstand eines Dorfvereins war, habe ich die Ausstellungen im Dorfcafe organisiert. Die konservative Leitung und ebensolche Dorfbevölkerung erwarteten dort Künstlerinnen mit netten Blumen- und Landschaftsbildern. Danach habe ich mich natürlich nicht immer gerichtet, weil Kunst auch unterschiedliche Themen transportieren sollte. Das führte manchmal zu heftigen Diskussionen, die oft hinter vorgehaltener Hand stattfanden. Das soll hier aber nicht Thema sein.

Also die Blumen sollten mal wieder das Ganze in ruhiges Fahrwasser bringen. Ich fand eine Künstlerin, die Ihre Aquarelle bei uns ausstellen wollte. Sie durfte auf eine erfolgreiche Ausstellung hoffen, denn solches verkaufte sich im Dorf.

Die etwas gewichtige, bieder wirkende Dame war mir gleich sympathisch. Sie hatte so eine herzliche, mütterliche Ausstrahlung und ich fand, die Blümchenbilder passten gut zu ihr. So tat ich eine Schublade auf: Bilder und äußere Erscheinung `rein - Schublade zu!

Ich bekam nach einiger Zeit von Ihr eine Einladung zu einer Gemeinschaftsausstellung nach Bad Rehburg. Dort sah ich ganz andere abstrakte Werke in Acryl von ihr. „Aha, die hat ja was drauf und kann ja viel mehr,“ dachte ich und musste meine Einschätzung schon etwas revidieren. Auch bei einer späteren Ausstellung im Rathaus von PW zeigte Sie mir, dass sie sich auch mit schwierigeren Themen künstlerisch sehr gut auseinandersetzen konnte. Wir freundeten uns etwas an. Wir beide organisierten einen Malworkshop im Dorfcafe. Als ich sie öfter zum Kaffee zu mir nach Hause einlud, brachte Sie mir kleine Geschenke und ein Werk von Ihr, das mir besonders gut gefiel und ich revanchierte mich mit einem kleinen Gedicht für sie:

Die Bewunderin der Blumen
kam in unser Haus
sie lehrte uns zu geben
der Farbe Form
und der Klang ihres Namens
führte meine Hand -
Magdalene

Leider ist sie sehr bald verstorben. Ihre Geschenke behalte ich in Ehren. Sie helfen mir darin, Menschen mit Geduld und Neugier begegnen zu wollen und die Schublade leer zu lassen.


Silent Sounds

13.06.2022

Am 13.06.2022 veranstaltete die Textwerkstatt im BÜZ einen weiteren Schreibworkshop im Rahmen der Reihe “AUF DU UND DU MIT DEM ANDEREN”. Der Abend wurde von dem Kogge-Autor Marcus Neuert moderiert, unterstützt von dem Musiker Christoph Andreas Marx.

Die Grundidee für diesen Abend war der musikalische Vortrag von SILENT SOUNDS als musikalischer Impuls zum Schreiben, dem wirken lassen der Musik und das in sich hineinspüren.

Die Komposition SILENT SOUNDS wurde gemeinsam von Christoph Andreas Marx auf der elektronischen Gitarre unter Nutzung von feature recordings und Marcus Neuert auf der akustischen Gitarre vorgetragen.

Die 15-minütige musikalische Komposition SILENT SOUNDS führte die Teilnehmer in drei unterschiedliche Welten. Der erste Teil war sphärisch und führte in die Grenzenlosigkeit des Weltalls, der zweite Teil erinnerte an das Blühen der Natur auf der Erdoberfläche, während der dritte Teil an Wasser und seine Tiefe und Geräusche erinnerte.

Die beiden Musiker haben zur Anregung unterschiedlicher Empfindungen und Vorstellungen bei den Teilnehmern bewusst Dissonanzen, Schwebendes und Ostinato, eine immer wiederkehrende Folge von Tönen, in die Komposition eingefügt.

Der Musik folgte die 30-minütige Schreibphase der Teilnehmer und die Erinnerung an die Bedeutung des Schreibens als Auflösung von inneren Barrieren, dem Zulassen von Empfindungen und Vorstellungen.

Nach dem Schreiben folgten alle Teilnehmer der Ermunterung zum Lesen ihres Textes und führten die Zuhörer in ganz unterschiedliche Welten der Empfindungen und Vorstellungen. Unter anderem erinnerte ein Lehrer eine Geschichte mit Schülern, ein anderer führte in die griechische Mythologie und über das Mittelmeer. Eine Mutter schrieb einen emotionalen Brief an ihre behinderte Tochter, eine phantasievolle Geschichte führte von Orpheus Gesang über Sirenen zum Klang der Wellen. Eine Teilnehmerin erinnerte an den Herzschlag aus der Tiefe, der den Tod überwunden hatte. Ein anderer ließ einen Astronauten an Gasnebeln und Sternen vorbei schwimmen.

Jeder Teilnehmer erhielt nach der Lesung seines Textes interessierte Rückfragen und konnte erläutern und verständlich machen, was seine Geschichte bedeutet. Der Umgang der Teilnehmer war von gegenseitigem Respekt geprägt.

Der nächste Workshop in der Reihe “AUF DU UND DU MIT DEM ANDEREN” findet am Montag, den 29.08.2022 um 18.00 Uhr mit Renate Folkers statt zum Thema: “GEHT NICHT GIBTˋS NICHT”.

Carsten Stallbörger


Schreibworkshop mit Markus Neuert

25.04.2022

Unser Schreibangebot für Fortgeschrittene: wie selbstverständlich gehen wir mit dem „Anderen“ um? Mit Abstammung und Herkunft, Migration, Handicap, aber auch sozialer Differenz, Meinungsfreiheit und Toleranz?

Für alle, die ihre Schreibzeit mit kulturellem, politischem, sozialem Selbstbewusstsein füllen wollen, in einem spielerischen Ausbau der sprachlichen Möglichkeiten. Zur Sensibilisierung der eigenen Wahrnehmung bieten wir Euch in persönlichen Begegnungen: Schreibimpulse aus der Welt der bildenden Kunst, der Musik, des Tanzes und des Schauspiels. Alle Teilnehmer* innen haben Gelegenheit, selbst Texte zu verfassen und vorzutragen.

Alle Workshops sind in sich abgeschlossen. Der nächste Schreibworkshop in dieser Reihe findet am Montag 13.6. um 18 Uhr statt. Thema: SILENT SOUNDS.

Was würde ich tun, wenn ich nur noch ein Jahr zu leben hätte?

Ich würde lieben,
das Leben und mich,
das, was ich tue,
und sicher auch dich.

Ich würde lieben,
intensiv und total,
würd’ niemanden fragen,
träf’ nie eine  Wahl.

Ich würde lieben,
das Essen, den Wein,
würd’ nie wieder fasten
um dünner zu sein.,

Ich würde lieben,
egal, was geschieht,
würd’ Fehler vergeben
säng’ laut Lied um Lied.

Ich würde lieben,
exzentrisch und laut,
würd’ Wahres aussprechen,
wenn niemand sich traut.

Ich würde lieben,
und ganz ohne Not,
würd’ ich dann auch lieben
am End’ gar den Tod.

Mechthild Bock

als ob

was werde ich tun
in meinem letzten Jahr
das jederzeit anbrechen kann
ich kann nicht wissen, wann es anbricht
ich kann kaum ermessen, was bisher geschah

was werde ich tun
in meinem letzten Jahr
das jederzeit zu Ende sein kann
ich kann nicht wissen, wann es zu Ende geht
ich werde dann nur einfach nicht mehr hier sein

was werde ich tun
in meinem letzten Jahr
die Frage ist falsch, sie muss heißen:
was will ich sofort, in diesem Augenblick, beginnen,
mit diesem Augenblick, der immer der letzte sein kann

Abschiede üben oder
noch einmal fliegen im Geist
noch einmal zurückblicken
noch einmal berühren, was ich liebe
als ob es immer so weiterginge 

© Marcus Neuert, April 2022


Erpresserbriefe an die Regierung mit Marcus Neuert

28.03.2022

Der Mindener Marcus Neuert ist Mitglied der internationalen Autorengemeinschaft „die kogge“. Er führte die Teilnehmer*innen an die schriftstellerische Arbeitweise der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller heran: mit Schere, Klebestift und ausgeschnittenen Worten aus Zeitungen und Zeitschriften verfassten wir Texte, in denen Erwartungen an unsere politischen Handelnden formuliert wurden. Ob Klima, Corona, Migration oder gesellschaftliche Ungerechtigkeiten – wir haben uns literarisch Luft gemacht!

Schreibworkshop mit dem Mindener Autor Markus Neuert zu Themen, die unter den Nägeln brennen

Im Rahmen der Textwerkstattreihe „Auf Du und Du mit dem Anderen“ konnte wieder ein spannender und lehrreicher Schreibworkshop stattfinden. Als thematische Grundlagen wurden die Gedichte der Schriftstellerin Herta Müller gewählt.

Die Schriftstellerin Herta Müller schreibt nicht, sondern klebt ihre Gedichte aus Zeitungsschnipseln zusammen. Ihre Gedichtbände tragen kunstvolle Titel wie „Im Heimweh ist ein blauer See“ oder „Im Haarknoten wohnt eine Dame“.

Nach einem kurzen Vortrag über die Schriftstellerin inklusive einer Power-Point-Präsentation wurde mit dem kreativen Schaffen begonnen. Auf Tischen lagen viele verschiedene Zeitungen und Prospekte verteilt. Mit Scheren bewaffnet wurden die Zeitungen durchforstet und quergelesen.

Inspiriert von den Gedichtbänden Herta Müllers wurden aus Zeitungs- und Wortschnipseln neue Sätze gebildet und auf Papier geklebt. Entstehen sollten Erpresserbriefe, Gedichte oder Texte zu selbst gewählten Themen, die auf dem Herzen liegen. Dies konnten Liebesbriefe sein, aber auch Mahnbriefe gegen soziale Ungleichheit, den Krieg, die Klimapolitik oder die Corona-Maßnahmen.

Die Herangehensweisen an dieses spannende Projekt waren unterschiedlich. Während die meisten Teilnehmenden sich von den vorgefundenen Worten inspirieren ließen und das Ergebnis somit noch offen war, versuchten Andere die im Kopf vorformulierte Texte auf das Papier zu bringen. Die zweite Herangehensweise erwies sich als schwieriger als gedacht, da die gesuchten Wörter in den Zeitungen nicht immer zu finden waren und somit aus einzelnen Buchstaben zusammengesetzt werden mussten. Die entstandenen „Briefe“ wurden anschließend an eine Pinnwand geheftet.

In der kurzen produktiven Zeit sind denkwürdige und wortgewaltige Werke entstanden. Der Krieg in der Ukraine war ein vielfach gewähltes Thema. Andere brachten ihre Kritik zu den Corona-Maßnahmen zu Papier oder texteten surreal über das Erwachsenwerden.

Aljona Hubert