2022

Ja, was glaubst du denn?

Schreibworkshops

Ja, was glaubst du denn?

Schreibworkshops

Das Projekt greift Erfahrungen aus dem Vorjahr zurück. Ausgehend von Anregungen, die von den Teilnehmenden und den Referenten gesetzt sind, werden Fragen der Alltagsphilosophie im Austausch vollzogen. Gerade der persönliche Zugang erweist sich als ein Fundus zu intensivem Dialog zwischen den Kulturen.

Eine Orientierung bieten die Grundfragen von Immanuel Kant wie: 

- Was ist der Mensch?
- Was soll ich tun?
- Was kann (soll) ich wissen?
- Was darf ich hoffen?

Damit begeben wir uns in dieser Workshop-Reihe auf einen spannenden und offenen Weg. Die Antworten berühmter Philosophen treten somit in den Hintergrund und werden höchstens als Impuls verwendet. Ein wesentlicher Aspekt der Workshops besteht darin, das Blickfeld zu erweitern und wegzulenken von einer rein eurozentrischen Denk- und Betrachtungstradition hin zu staunenden (philosophischen) Menschen, die die Grundfragen der menschlichen Existenz stellen. Das Projekt gründet auf einer fundamentalen Einflussnahme der Teilnehmenden auf Basis ihres jeweiligen generativen und kulturellen Erfahrungshorizonts und eröffnet Perspektiven der Offenheit im Umgang miteinander, Urteilsfähigkeit sowie die Erweiterung der Sprachkompetenz. Philosophische Fragen korrelieren mit dem Alltag und tragen somit zur Konfliktbewältigung bei.

Arbeitsergebnisse werden nach jeder Sitzung in Form von Fotoserien und Berichten dokumentiert. Diese Ergebnisse bieten den Fundus für eine Abschlussveranstaltung zum Jahresende, bei der die Kreationen der abgelaufenen Workshops einer breite n Öffentlichkeit vorgestellt werden. Ferner findet eine fortlaufende Online-Dokumentation auf BÜZ-Digital statt.

Der Projektleiter Volker Papke-Oldenburg ist ein erfahrener Philosoph. Er war über mehrere Jahre Moderator eines Philosophischen Cafés in Minden. Die Projektbetreuer können ebenfalls auf fundierte Erfahrungen zurückblicken.

Entsprechend der Kurskonzeption der interkulturellen Erfahrungs-, Betrachtungs- oder Wissensperspektive setzen wir an den einzelnen Kurstagen Referenten aus europäischem wie aus nicht-europäischem Kulturkontext ein.


Wo komme ich her, wo gehe ich hin? Orte in meinem Leben bestimmen meine Entwicklung, natürlich nicht nur. Aber es ist ein Unterschied, ob ich in einem Dorf, einer Großstadt, in Amerika oder in Indien aufwachse.

Es ist ein Unterschied, ob ich in beengten Wohnverhältnissen oder auf dem Lande groß werde.

Ziel ist es, einmal zu überblicken, welche Orte bin ich in meinem Leben durchlaufen und wie prägten sie mich. Ferner: Wie sollen meine nächsten Orte in meinem Leben aussehen, was sind meine Ziele?

Alternativ könnte man auch anders vorgehen:

Wie wäre es, wenn…

Ich geboren wurde als Sohn, Tochter von Platon, Napoleon, Queen Elizabeth, Donald Trump…. So als Beispiele genannt.

Welche Orte hätte ich erlebt, wie wäre meine Kindheit, Jugend, verlaufen? Wo stünde ich heute?


Förderer

Sparkasse Minden-Lübbecke

Dr. Strothmann-Stiftung

Der Arabische Frühling

03.06.2022

In Volker Papke-Oldenburgs philosophisch ausgerichteter Textwerkstattreihe „Ja, was glaubst Du denn?“ war am nunmehr dritten Termin Ridha Bachta zu Gast, der der wie stets bunt gemischten Gemeinde Schreibwilliger einen Abriss über die wichtigsten Ereignisse des so genannten „Arabischen Frühlings“ ab 2010 gab – dezidiert aus der Perspektive eines seit über vierzig Jahren in Deutschland ansässigen Tunesienstämmigen, der auch heute noch vielfältige Kontakte in seine alte Heimat pflegt.

Nach einer kurzen polulärwissenschaftlichen Einführung in das Feld der politischen Philosophie durch Volker Papke Oldenburg referierte Bachta zunächst über die geschichtlichen und geopolitischen Hintergründe Tunesiens von Karthago über die Zeiten der Islamisierung und als Teil des osmanischen Reiches, über die französische Kolonialzeit bis zur Unabhängigkeit des Landes 1956. Seither sei Tunesien ein Land „zwischen den Welten“, geprägt von den Traditionen des Orients, aber auch stets am Puls der europäischen Moderne, was durch den ersten Präsidenten der neuen Republik Habib Bourguiba nicht unwesentlich mitgestaltet wurde, der in Frankreich studiert hatte und mit einer Französin verheiratet war. Doch u.a. die einseitige Ausrichtung auf den Tourismus ab den 1960er Jahren (auch Bachta selbst kommt ursprünglich aus dem Hotelfach) führte zu einem kulturellen und vor allem auch wirtschaftlichen Ungleichgewicht. Nach Jahrzehnten, in denen sich mehr oder weniger autoritäre Führungspersönlichkeiten abwechselten, war der Niedergang gegen 2010 so dramatisch geworden, dass eine Revolte losbrach, die mit der Selbstverbrennung eines jungen arbeitslosen Akademikers begann und eine Welle der Empörung nach sich zog, die zuerst den amtierenden Präsidenten Ben Ali wegfegte (er exilierte bezeichnenderweise ins Mutterland islamischer Autokratie – nach Saudi-Arabien) und in der Folge viele Länder des Maghreb und des Nahen Ostens in bis dahin ungekannte pro-demokratische Turbulenzen versetzte und dabei erstmals auch die Möglichkeiten einer „Online-Revolution“ nutzte, bei welcher sich die Aufständischen mithilfe der social media zu Demonstrationen verabredeten. Doch die Freude über kurzzeitige Pyrrhussiege währte nicht lange, die wirtschaftlichen Probleme verstärkten sich und zwangen Millionen in die Migration; gleichzeitig setzte eine radikale Reislamisierung ein, allein 5000 Kämpfer aus Tunesien nahmen für den IS in Syrien an den Kriegshandlungen gegen das Regime von Baschir Al-Azad teil. In Tunesien selbst häuften sich Anschläge, die den Tourismus schwer beschädigten, was Flucht und den gefürchteten brain drain-Effekt noch verstärkte. Allein aus Tunesien flohen 30.000 Ärzte und 20.000 Ingenieure nach Europa.

Bachtas Impressionen wurden von Peter Küstermanns Erfahrungen als Reiseleiter, so etwa die wiederholten Begegnungen mit einem weisen tunesischen Teppichhändler, und Mohamed Ghneems Perspektive auf den Arabischen Frühling aus syrischer Sicht flankiert.

Das Schreiben der Gruppe bewegte sich denn vor allem um die Frage enttäuschter Hoffnungen im politischen Kontext. Die älteren deutschstämmigen Teilnehmenden bezogen sich dabei nicht selten auf die Erfahrungen mit der Hitlerdiktatur, während für die jungen Geflüchteten ihr unmittelbares Erleben von Flucht und Vertreibung im Vordergrund stand. Die meisten Beiträge waren von tiefen persönlichen Auseinandersetzungen mit dem Thema geprägt, oft biografisch, mitunter auch essayistisch oder literarisch fiktional.

Ein rundum gelungener Workshop mit so vielen Facetten, dass die angesetzten anderthalb Stunden nicht ganz ausreichten und alle Beteiligten zeitlich überzogen – kein Wunder bei so einem aktuellen und spannenden Thema. Vielleicht sollte man gerade die philosophische Reihe eher auf jeweils zwei Stunden ausdehnen?

(Marcus Neuert)

Sprichwörter

von Marcus Neuert

aus aller Herr:innen Länder
hoffen sie sich in die Ferne

weil eben nicht alles Gute
von oben kommt, oh nein

weil keine bleiben kann wo
keines Bleibens sein kann

weil in Jahren, Jahrzehnten,
Jahrhunderten nichts sich ändert

weil Widerstand durch die
Verhältnisse geht wie durch Butter

weil die Eliten zurückschlagen
sich transformieren, sich schönlügen

weil Armut nicht adelt
sondern in die Asche drückt

weil Zuflucht kein Wort
ihrer Inlandssprache mehr ist

aus aller Herr:innen Länder
machen sie sich auf in die Ferne

weil bleibe im Lande und wehre
dich täglich eine sehr deutsche

Weisheit ist, denn etwas besseres
als den Tod findest du überall

Tunesien

von Renate Dombrowa

Im Jahr 1981 machten mein Mann und ich Urlaub in Tunesien.Vom Flughafen Tunis ging es per Bus durch das Atlasgebirge zum wunderschönen Ort Nabeul.wo wöchentlich der größte Kamelmarkt statt fand  .Natürlich war die Armut sichtbar .Doch man glaubte,mit der Öffnung hin zum Tourismus würden die Lebensumstände sich verändern.Doch der arabische Frühling der soviel Hoffnung versprach endlich die Lebensümstände, raus aus der Unterdrückung und der Armut verbessern bewahrheitete   sich nicht.Der Traum hin zu mehr selbstbestimmten Leben wurde schnell zerschlagen.Hier wäre politischer Beistand der westlichen Welt evtl .sehr hilfreich gewesen. Aber wie sagt ein Sprichwort,die Hoffnung stirbt zuletzt. Eine Welt,in der sich alle Völker verstehen,das sollte das Ziel der Politik sein.

Vom Teppichhändler, der Revolutionäres tat- und trotzdem in den Himmel kam

von Peter Küstermann

Als ich zum ersten Mal durch die verwinkelten Gässchen der Medina in der Stadt Houmt Souk auf der Insel Djerba bummelte, da stand er inmitten wertvoller Antiquitäten vor seiner Höhle voller handgewebter Teppiche und bat mich herein. Ein kleiner Tunesier, Ende 40, mit ernsten Gesichtszügen und Halbglatze im perfekt gebügelten Kaftan.

Er freute sich, deutsch zu sprechen, fließend und fast akzentfrei. Das hatte er ohne Schule und Lehrbuch gelernt in der "Strand Akademie", wie er sagte. Vor 25 Jahren kamen die ersten deutschen Touristen. Da war er mit seinem Esel am Strand langgezogen, hatte reiten angeboten und den Deutschen das Geld aus der Tasche gezogen und gut zugehört. Jetzt saßen wir also in seiner Höhle voller Preziosen auf den Bergen weicher Teppiche, und er zitierte Goethes Faust. Auswendig.

Über die strategisch günstig gelegene Mittelmeer-Insel Djerba sind im Laufe der Jahrtausende immer wieder fremde Eroberer hergezogen, haben viel Blut vergossen und alle irgend etwas Sprachliches hinterlassen. Deshalb sind die Djerbi sehr sprachbegabt, aber Abdelfettah Kriouane ganz besonders - so hieß er nämlich. Wir saßen also in seiner Höhle bei frisch aufgebrühtem Pfefferminztee auf den weichen Teppichen. Vier Stunden lang fachsimpelten wir über Abraham in Koran versus Bibel, über den tunesischen Diktator Ben Ali, über Goethe und Khalil Gibran, den großen arabischen Poeten. Dann musste er schnell in die Moschee zum Beten, so wie alle 4 Stunden und verabschiedete sich. Gelegentlich durften wir sogar mitkommen in seine einfache Moschee eben um die Ecke. Das blieb die ganzen Jahre so, wenn wir uns getroffen haben. Ich habe übrigens nie etwas bei ihm gekauft.

Der Herbst auf Djerba ist wunderschön.  Die KaktusFeigen reifen, und die Luft wird mild. In all den folgenden Jahren habe ich jeden Herbst mit deutschen Freunden Abdelfettah besucht in seiner Höhle auf den Teppichen. Wir haben herzhaft darüber gestritten; was Allah sich wohl dabei gedacht hat, dass in der Moschee die Frauen hinten knien müssen, hinter den Männern. Unser Gastgeber war überzeugt, dass die sonst vom Beten abgelenkt würden. „Ja und?“ habe ich entgegnet, „wenn die Männer vorn knien vor den Frauen - werden die Frauen dann nicht abgelenkt?" Mein Freund Abdelfettah - wir umarmten uns inzwischen zur Begrüßung und beim Abschied- kannte sich sehr gut aus. In den Religionen, in der Politik, in der Geografie.

Nur außer Landes war er noch nie gewesen. Das war sehr teuer. Deshalb buchte ich für ihn seine erste Reise in die USA beim günstigsten Reisebüro in meiner Heimatstadt Minden. Er reiste gemeinsam mit seinen beiden Töchtern. Weil er der Ansicht war, sie müssten die westliche Welt mit eigenen Augen kennenlernen, und nicht durch die verdrehten Bilder, die ihnen die Satellitenschüsseln auf Djerba in die Köpfe spülten. Eine Tochter saß damals schon im Rollstuhl, und heute noch.

Jamina, die ältere, studierte dann Englisch in der entfernten Landeshauptstadt Tunis. Sie lebte dort mit einem Freund - was der Alte natürlich nicht wissen durfte, offiziell. Da war er voll der traditionelle Vater aus dem agrarischen Süden des Landes. Beide Töchter sind Englischlehrerinnen geworden. Nach dem Examen kehrte Jamina zurück auf die Insel als Lehrerin. meine Freunde und mich lud sie immer wieder in ihren Englischunterricht am Gymnasium in Houmt Souk ein,, den Ort, wo diese Geschichte begann. Damit ihre Schüler endlich mal jene schwierige Sprache live im Dialog erkunden konnten. Wunderschön war es, als die dann vor unserem nächsten Besuch ein Gedicht von mir vertont hatten und uns vorgesungen haben, auf englisch. Das war für sie eine echte Leistung, da flossen Tränen bei den Besucherinnen.

Jamina war eine selbstbewusste junge arabische Frau, die zum Beispiel bei der Führung im Heimatmuseum dort die nachgebaute traditionelle Beschneidungszene äußerst kritisch interpretierte und sich gegen die fürchterliche Beschneidung der Frauen in afrikanischen Ländern sehr deutlich wandte.

Dann lud sie mich zu ihrer Hochzeit ein, sie wollte einen Kollegen heiraten. Dafür war ein ganzes Hotel angemietet. 800 Gäste wurden erwartet. Das war nur eine kleine Feier. Zur Hochzeit ihres Bruders waren 2000 Gäste eingeladen gewesen; die ganze Feier hatte so viel gekostet wie ein Kleinwagen. Ich war als Freund der Familie eingeladen und sollte das Fest als Klavierspieler begleiten. Zwei Tage vorher erhielt ich eine SMS von Jamina: "Brauchst nicht kommen. Ich nehme den Kerl nicht." Als ich dann Abdelfettah bei unserem nächsten Treffen fragte: "Wie hast du dich denn dabei gefühlt, war das nicht eine Schande für deine Familie? Vor den Nachbarn?" - da überlegte er lange und antwortete: "Ich möchte, dass meine Tochter glücklich ist."

Er scheute keine Hausarbeit, bügelte grundsätzlich selbst seinen Kaftan und pflegte mit Hingabe die geliebten Rosen in seinem Garten. Seit ich ihn dann mit meinen deutschen Freunden auch zu Hause besuchte, schenkte er als echt arabischer Kavalier jeder Teilnehmerin eine Rose aus seinem Garten. Frisch geschnitten. Ich habe nie einen Menschen erlebt, in dem Tradition und Moderne dermaßen aufeinanderprallten. Abdelfettah hat es geschafft und zu seiner Lebensaufgabe gemacht, die Brücke zwischen beiden zu schlagen. Das beeindruckt mich sehr.

Als Hadj hatte er hohes soziales Ansehen. Das bedeutet: er war nach Mekka gepilgert, um dort den Gang um die Kaaba zu machen - und was ein frommer Moslem noch tun sollte, um in den Himmel zu kommen. Das war echt teuer. Dafür musste er viele Teppiche verkaufen. Denn die Saudis nehmen ihre Glaubensbrüder aus anderen Ländern gehörig aus für den Flug und die Unterkunft. Mein Freund hatte richtig investiert für die Pilgerreise. Und er war ja auch ein spirituelles Schlitzohr. Als er das zweite Mal nach Mekka pilgerte, nahm er seine Frau mit. Kaum war das Flugzeug gelandet in Riad, da bestellte er einen Krankenwagen mit den Worten: "Meine Frau ist Dialysepatientin und muss sofort ins Krankenhaus zur Blutwäsche." Hätte er das vor dem Abflug gesagt, dann hätte sie niemand überhaupt erst ins Flugzeug gelassen. Aber er wollte seine Frau ja mitnehmen in den Himmel, um dort nicht allein zu sein. Sie ist Jahre vor ihm dort angekommen und hat ihn erwartet.

Vier lange Jahre. Ein böser Tumor fraß Abdelfettah auf. Trotzdem ist er eisern weiterhin alle 4 Stunden in die Moschee gegangen zum Beten. Leider durften wir nicht mehr mitgehen. Durch den arabischen Frühling wurde uns unreinen Ungläubigen der Besuch eines muslimischen Gotteshauses verwehrt. Mein tunesischer Freund hat weiterhin sein Heim geputzt, die Rosen geschnitten, seinen Kaftan gebügelt, so gut es ging. Und er hat gelegentlich noch mal eine Stunde mit uns zusammengesessen. Er wurde langsamer, verfiel so einsam wie sein Haus. Ohne seine Tochter Jamina.

Was war aus ihr geworden? Sie heiratete einen Beamten im Süden des Landes. In der Stadt Douz am Rande der Wüste. Ihren Vater sah sie nicht mehr. Ihr Mann hat ihr verboten, weiterhin mit uns Westlern zu kommunizieren. Keine Mails mehr, keine sms, nix. 300 Jahre Aufklärung für die Katz.

Beim letzten Wiedersehen, bei der letzten Umarmung war Abdelfettah und mir klar: das ist das letzte Mal. Er war schon auf dem Weg nach oben. Seine persönliche Revolution ist gescheitert. Aber er ist angekommen. In seinem eigenen Himmel mit seiner geliebten Frau. Dort sorgt er jetzt dafür, dass die Engel-innen hinten knien müssen. Und das gönne ich alter Atheist ihm. Von Herzen.                                        

Ridha berichtete über den Arabischen Frühling. Und woran denken Deutsche? - Natürlich an unseren eingenen üblen Diktator

von Gitte Michusch

Ich war noch kein Teenager, da begann ich schon hauptsächlich meinen Vater zu fragen, wie die Machtergreifung durch Hitler möglich war, wie es zum 3. Reich und zum 2. Weltkrieg kommen konnte. Die jubelnden Massen aus den Dokumentationen vom Fernsehen verstörten mich. Ich konnte es nicht begreifen, wie Menschen unkritisch einem Agitator zujubeln konnten.

Mein Vater erzählte oft von seinen Kriegserlebnissen, aber nur ausweichend davon ob und wie er die Nazis unterstützt hatte. Es kamen immer nur vage Begründungen dergestalt, wie: man hatte mitmachen müssen, andernfalls wäre man verhaftet worden.

Das machte mich wütend. Ich war fest davon überzeugt, dass ich mich in einer solchen Situation der Widerstandsbewegung angeschlossen hätte, selbst mit der Aussicht mein Leben zu verlieren.

Als wir den jüdischen Gedenkstein in Frille einweihten, der an das zerstörte Bethaus erinnert, kamen mir erste Zweifel an meiner bis dahin festen Einstellung. Ich war inzwischen Mutter geworden. Hätte ich meinen kleinen Sohn alleine gelassen, wenn es darauf angekommen wäre Farbe zu bekennen? Ich war zum ersten Mal unsicher geworden.

Mittlerweile blicke ich etwas anders auf die Ereignisse. Der Zeitgeist muss ein anderer gewesen sein. Vielleicht waren die Menschen damals mehr obrigkeitshörig. Außerdem muss es im geschichtlichen Kontext gesehen werden zusammen mit dem 1. Weltkrieg, Weimarer Republik und Weltwirtschaftskrise und mit völkischer Einstellung (die ins 1900 Jahrhundert zurück reicht - also mitnichten eine Erfindung Hitlers). Ich habe im Zentrallager ein Schulbuch aus der Hitlerzeit gefunden. Es handelte von einer Art Sozialkunde. Durch das Lesen bekam ich einen Eindruck, wie die Kinder damals auf Linie gebracht wurden. Übrigens wurde in dem Buch immer wieder betont, wie friedliebend und fürsorglich der Führer doch sei.

Was muss Hitler für ein Mensch gewesen sein, das die Massen auf komplexe Fragen mit einfachen Antworten von ihm zufrieden waren? Was muss dieser Mann für eine Ausstrahlung gehabt haben, die wir trotz Filmmaterial nicht mehr nachvollziehen können.

Ich habe mich einmal mit unserem ehemaligen Ortsvorsteher unterhalten. Der gab zu, als Schuljunge ein begeisterter Anhänger Hitlers gewesen zu sein. Auf so ein Eingeständnis habe ich von der Generation der Eltern und Großeltern gewartet. Mit entsprechenden Erklärungen, warum das so war, hätte es die Wut herausgenommen, die unsere Generation hatte.

Mein Vater weigerte sich nach dem Krieg zu großen Veranstaltungen zu gehen. Größere Feste und Versammlungen mied er von da an. Er war ein einfacher Mann mit wenig Schulbildung. Die Hälfte der Schulzeit verbrachten die Schüler nicht im Unterricht, sondern auf dem Schulland des Lehrers mit Arbeit. Was sollten die Kinder schon groß lernen, wenn sie doch später nur für die Arbeit auf dem Gutshof gebraucht wurden. Trotzdem schrieb er gelegentlich Gedichte, ohne die Rechtschreibung ausreichend zu beherrschen, oder gar etwas von Versmaß zu verstehen. Leider habe ich nur wenig davon in seinem Nachlass gefunden. Dies ist eines davon:

Lied

Kennst du den Graben, der meilenweit sich zieht,
von wenigen Kriegern er verteidigt wird.
Kanonen donnern, dass es weithin schallt,
das war meine Heimat und das Ermeland.

Kennst du den Wald, zerschossen und zerhauen,
wohin kein Rehlein springt, kein Vogel singt.
Zerschossen Bäume schon mich traurig an,
was tat ich dir, du rauher Kriegersmann?

Kennst du das Haus, in Erde eingegraben
drei Meter tief und dunkel war es auch
Ach, Kam´rad, führ´ mich, führ´ mich an der Hand
in deinen bombensich´ren Unterstand.

Kennst du den Friedhof, worauf die Kreuze stehen,
darauf geschrieben steht in schwarzer Schrift:
Für Deutschlands Ehre, Freiheit, Vaterland,
die Pioniere aus dem Preußenland.

Was mich 2008 auch irritiert hat: Die Rede von Obama in Berlin vor 200 000 jubelden Menschen.

Damals war er nur Präsidentschaftskandidat. Er hatte noch nicht irgendetwas bewerkstelligt, was diese Begeisterung gerechtfertigt hätte. Mit dem Hintergrund unserer Geschichte habe ich gedacht, er sollte zuerst mal beweisen, dass er etwas anständiges zu Wege bringen kann, bevor ich ihm zujubeln würde. Nach 63 Jahren gab es in Deutschland wieder einen Massenauflauf für…

ja - für was? Ich fand und empfinde das als verstörend.

Ich höre auch öfter die Aussage: „Ich habe vieles nicht gewusst - es wurde in der Schule nicht behandelt.“ Das ist auch etwas, dass mich mit vielen Fragezeichen zurücklässt.


Wer bin ich und wo will ich hin?

13.05.2022

Dieses spannende Thema stand im Mittelpunkt des 2. philosophischen Schreibworkshops der achtteiligen Reihe „Ja, was glaubst du denn?“. Ziel dieser Workshopreihe soll es sein, Senior*innen, Geflüchtete und im Integrationsprozess stehende Menschen - Jugendliche -wie Erwachsene - zu einem intergenerativen und interkulturellen Erfahrungsaustausch über Fragen und Probleme der Alltagsphilosophie zusammenzubringen und ihnen gegen Ende die Möglichkeit zu geben, das eigene Erleben und das persönliche Ergebnis dieses Austauschs in einem kurzen schriftlichen Beitrag zu skizzieren. Geleitet wurde der Workshop von Volker Papke-Oldenburg, einem erfahrenen Philosophen, der über mehrere Jahre das Philosophische Café in Minden moderiert hat und dem Projektleiter der Reihe, Peter Küstermann.

15 Teilnehmer*innen zwischen 15 und 75 Jahren hatten sich eingefunden, die in einer Einführungsrunde ihre persönliche Sichtweisen zu der Frage „Wer bin ich?“ darstellten.

Interessant gestaltete sich diese Runde durch die generationsbedingt unterschiedlichen Ansichten. Die jüngeren Teilnehmer*innen sahen vorwiegend als wichtig an, was sie bisher geschafft hatten. Andere, vorwiegend mittleren Alters, fragten sich, wieweit sie sich selbst definierten oder sich von anderen definieren ließen. Oder sie befanden sich auf der Suche nach etwas, das den normalen Rahmen sprenge, um sich dann entfalten zu können. Mit zunehmendem Alter mochten sich die Teilnehmer*innen nicht mehr festlegen lassen. Ihre Erfahrung zeigte, dass sich durch Veränderungen in ihrem Leben verschiedene Persönlichkeiten in einer Person ausgebildet hatten; andere machten sich dagegen völlig unabhängig von Persönlichkeitsaspekten und definierten sich über das reine Menschsein.

Nach dieser spannenden Runde gab Volker Papke-Oldenburg eine kurze Einführung, ausgehend von R.D. Prechts Buchtitel „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“ Er legte dar, dass wir Menschen Suchende seien, deren Ziele sich beständig veränderten, und dass jeder Mensch über verschiedene Ichs verfüge. Der Mensch bliebe immer derselbe, nur Erwartungen und Verhalten veränderten sich jeweils mit seinen Rollen. Er legte ebenfalls dar, dass das ‚Ich-sein‘ auch abhängig von der Prägung der jeweiligen Zeit und der Kultur sei, in der der Mensch lebe.

Unterschiedliche philosophische Ansätze wie Descartes’ Denken als Grundlage des Seins (Ich denke, also bin ich), Wittgensteins Bezug zwischen Sprache und Bewusstseinsbildung oder Marx’ dialektische Spannung zwischen abstraktem Individuum und Gesellschaft boten die Grundlage für eine angeregte Diskussion, ob sich das ‚Ich‘ überhaupt definieren lasse. Auch der spirituelle Ansatz, das ‚Ich‘ mit dem Ego des Mensch gleichsetzen zu lassen, welches sich über das Tun definiere, das wahre Selbst des Menschen jedoch als ‚ich-losen‘ Geistzustand im reinen Sein zu betrachten, zeigte die Vielfalt der Betrachtungsweisen auf.

Im 3. Teil des Workshops stand nun eine Schreibphase zu den Fragen „Wer bin ich? „ und „Wo will ich hin?“ Die anschließende Darbietung einer großen Anzahl an Ergebnissen zeigte eine beeindruckende Bandbreite unterschiedlicher Ansichten, Erfahrungen und stilistischer Ausdrucksmöglichkeiten, deren Reiz in der Heterogenität der Gruppe lag. Alle Texte waren stark autobiografisch sowie ausgesprochen offen und ehrlich. Sie reichten von konkreten Zukunftsvorstellungen hinsichtlich Familie und Beruf über Identitätssuche in einer einengenden oder verständnislosen Gesellschaft bis hin zur Rollenfindung in und zwischen den Kulturen, sowie zu einer Lebensrückschau mit einem versöhnlichen Annehmen des So-seins im letzten Drittel des Lebens. 

Mechthild Bock

Erkenne Dich selbst!

Wer bin ich und wer will ich sein?

Wer ein glückliches Leben führen möchte, muss wissen, wohin die Lebensreise gehen soll. Denn je genauer wir uns selbst kennen, desto besser gelingt es uns, den eigenen Weg und die eigene Berufung zu finden und so Zufriedenheit und Wohlbefinden zu erlangen und uns abzugrenzen von dem, was wir nicht sind oder nicht wollen. Wie viele „Ichs“ oder Identitäten haben wir als Mensch eigentlich? An diesem Nachmittag wollen wir spannende Nachforschungen anstellen und so uns selbst ein Stück weit näherkommen.

Wer bin ich?

von Doris Pütz

Ich, ein Leben, geworden, erzogen und sich selbst gestaltet, durch meine Gene, die meinen Intellekt, zum Teil mein Temperament bestimmten, durch meine Eltern, Geschwister und Freunde geformt, durch Erfahrungen des Lebens und der Interpretationen derselben verändert.

Ich wurde gestaltet und gestaltete mich selbst, als Individuum sicher einmalig und in vielem so gleich mit allen anderen Menschen dieser Welt.

Schaue ich zurück auf meine Leben, so gab es in Bezug auf die Entwicklung, meiner Individualität, Zeiten des Umbruches und Zeiten der vergleichsweisen Ruhe. Es gab Zeiten, die anstrengend waren und Ängste schürten: Schaffe ich es mich selbst zu leben und zu verwirklichen? Und oft waren es gerade diese Krisen- und Umbruchzeiten, die mich im Leben voranbrachten.

Als Kind, so wie sicher die meisten Kinder, nahm ich mein Leben an ohne zu hinterfragen. Natürlich prägten die Erfahrungen im Mutterleib und die in der frühen Kindheit meine Individualität in besonderer Weise, bestimmen mich stärker im Leben und sind zeitgleich schwerer zu verändern.

Ich war eher still, angepasst, unauffällig, um einen Teilbereich meiner Individualität einmal herauszugreifen.

Mit dem Ende der Jugendzeit trat der erste große Umbruch auf, Auszug von zu Hause, Studium, Beginn der Arbeit, Partnersuche. In dieser Zeit werden die Grundsteine für das Leben in den kommenden Jahren gelegt, vielleicht die Grundstein bis zum Lebensende.

Für mich war diese Lebensphase, deren Bedeutung mir sehr bewusst war, anstrengend und veränderte mich. Ich konnte nicht länger still und unauffällig sein. Die Arbeit in der Psychiatrie erweiterte meinen Denk- und Erlebnishorizont. Durch die Begegnungen mit Menschen, die oft am Rande unserer gesellschaftlichen Vorstellungen und Normen leben, lernte ich mich selber stärker zu reflektieren und zeitgleich meine Bedeutsamkeit einzugrenzen.

Dann kam die Zeit, als meine Kinder klein waren und heranwuchsen, eine Zeit die mich körperlich sehr forderte. Mitihnen lernte ich eine neue Form der emotionalen und körperlichen Verbundenheit kennen, eine tiefgreifende Erfahrung.

Der Neueinstieg in den Beruf in Leitungsfunktion forderte endgültig die Aufgabe der Stille und Zurückhaltung in mir.

Ein großer Umbruch und mit Ängsten erwartet war für mich der Beginn der Rentenzeit. Die Rolle im Beruf erlebte ich stets erfüllend. Jetzt musste ich mich neu entwerfen. Ich musste lernen zu akzeptieren, dass meine Kräfte intellektuell und körperlich nachlassen, Krankheiten auftreten, die Gedanken an den Tod in mein Leben aufzunehmen. Eine körperliche Beeinträchtigung lässt mich erst richtig spüren, wie gut es ist, wenn der Schmerz vergeht. Durch das Schreiten in dunklen Feldern des Lebens, wird die Helligkeit umso intensiver wahrgenommen.

Für mich immer noch erstaunlich, ich kann diese Lebensphase genießen. Eine Blume in Ruhe zu betrachten, ein Buch Satz für Satz auf mich wirken zu lassen, ein ruhiges Gespräch mit einem Nachbarn am Zaun, diese intensive  Wahrnehmung und ein Erleben entspannt und ohne Hektik empfinde ich als befreiend und bereichernd. Das jetzt oft vorhandene Bewusstsein der Endlichkeit meines Lebens weitet mein Ich und lässt mich dankbar darauf schauen, dass unser Lebengenauso aufgebaut ist, wie es ist, mit einem Anfang und einem Ende. Es scheint ihm ein tiefer Sinn innezuwohnen.

Wo will ich hin?

Ich möchte so lange wie möglich im Hier und Jetzt bleibenund bin dankbar, wenn meine Kräfte mir dies erlauben.

Die Zeit, in der ich durch Krankheit meine Stimme verlor und ein gutes Wort nicht mehr sagen konnte, war schmerzhaft für mich und dankbar bin ich, dass ich jetzt wieder stärker am sozialen Leben teilnehmen kann.

Ich hoffe, noch lange in Verbundenheit mit Familie und Freunden leben zu dürfen, mich einfühlen zu können in mein Gegenüber und meinen Dankbarkeit spüren zu lassen, wenn mir geholfen wird.

Mein Leben hat Sinn, wenn ich in Worten und Handlungen ein Lächeln im Antlitz meines Gegenübers erzeugen kann.

Und wenn der Tag des letzten Abschiedes kommt, wünsche ich mir, dass meine Nächsten traurig sein dürfen, aber ihr Leben freudvoll weiterführend das Positive, was ich vermitteln konnte, in ihnen weiterlebt und weitergegeben wird, an ihre Umgebung, an ihre Kinder.

Jeder Mensch  in seiner Individualität ist wichtig und gleich in dieser Form der Unsterblichkeit. Wir alle sind am Anfand des Lebens nur ein Bündel Mensch und nur durch die Liebe werden wir zu einem besonderen Individuum und wenn wir gehen müssen schließt sich der Kreis. Durch die Liebe, die wir geben in welcher Form auch immer, werden wir im obigen Sinne unsterblich.

Das Leben in dieser Einmaligkeit wie es uns gegeben wird, zu gestalten und anzunehmen, das ist mein Ziel.

Hi, Hallo!

von "Mariposa"

Mein Name ist ,,Mariposa" und ich bin 15 Jahre alt! Nicht nur das, sondern ich bin auch drogensüchtig! Okay nein, ich bin nicht drogensüchtig! Zumindest nicht per se drogensüchtig! Ich dachte aber, dass es cool sei, das zu sagen, darum hab' ich's gesagt.

Das ist aber nicht das Einzigste, denn ich will weit weg. Weit, weit weg von all dem Leid und Elend, dem ich als unsicherer Bisexueller in einer heteronormativen Gesellschaft ausgesetzt bin, einer Gesellschaft die sich trotz LGBTQ und Diversity an die Spielregeln halten will.

Ich weiß, was ihr euch denkt: What the fuck? Wer behauptet so etwas von sich und vor allem wenn es so überhaupt nicht stimmt! Ja, ihr habt Recht, warum würde man auch nur daran denken, meine Gedanken in Worte zu verwandeln? Für auch nur einen klitzekleinen Funken Aufmerksamkeit, der einem wenigstens für einige wenige Sekunden das Gefühl geben kann, es wert zu sein, gelebt zu haben? Nein, das wäre ja geradezu verwerflich!

Aber zurück zur Frage, wer ich bin und wer ich sein möchte. Ich habe keine Ahnung. Und ich weiß, dass mir diese Antwort in so manchem Kontext nicht gerade bamherzig in meine kalten, erstarrten Hände fällt, schließlich stehen wir an der Spitze der Nahrungskette und sind die letzte Generation, die Generation Z, die letzte Hoffnung, auf ein Happy-End im Kampf gegen den Klimawandel, ich aber kann nur eins sagen: Ich bin unglücklich. Das bin ich. Genauer gesagt, war ich das. Und zwar mein ganzes Leben lang.

Was anfangs vielleicht wie eine Art Witz mit fehlender Pointé klingen mag, ist aber keinen Lacher wert. Ein Lächeln kostet nichts, habe ich schon viele Menschen in meinem Leben sagen hören, aber nichts da.

Für einen Jungen, der aber süchtig ist, süchtig nach dem Unglück, ist ein Lächeln nichts weiter als ein kalter Entzug ohne Hoffnung und ohne jeglichen Sinn. Ein Freigang, der mich im warmen morgengrauen Sonnenlicht doch gefangen hält, denn wieso der Sonne entgegenstrahlen, wenn man dem Mond apathisch hinterherblicken kann und man sich selbst zusieht, wie alles um sich herum zunehmend dunkler wird.

Dieser Dunkelheit aber, möchte ich entgegenwirken. Schließlich reicht für ein Feuer lediglich ein Funke aus, warum nicht auch bei mir? Warum sollte es bei mir irgendwie anders sein? Wegen einer psychotischen Mutter? Wegen eines Vaters, den ich nie kennenlernen konnte und wegen dem Wort ,,Schwuchtel" das dich inzwischen in mein mentales Vokabular eingebrannt hat? Wohl kaum! Dahin möchte ich also, an die polnische Ostsee, mit keinem klarem beruflichen Ziel in Aussicht. Keine bestimmte Ambition, außer die Worte in Liebe zu verwandeln - die Poesie. Da also will ich hin. An einen Ort wie aus dem Bilderbuch, so warm und voller Lust. Einen Ort an dem mich keiner kennt und ich mich nicht fremd fühle, schließlich fühlt sich keiner an einem Strand fremd. Wieso auch? Wärme ist fließend, Energie ist fließend und so ist auch mein Weltbild fließend. Heute zum Besseren.

Gedicht ,,Rote Träume"

von "Mariposa"

Grüne Schuhe, blaue Jeans, rote Träume.

Wundere mich bis heute ob jemand jemals von mir geträumt hat.

Nackte Frauen, kleine Mädchen, Taschentücher voll weißem Gold, Gott jedoch sagte einst es fließe nur Milch und Honig im Himmel.

Sie lebt rote Träume, sie lebt weiße Rosen, sie fleht ihn an, bitte sei meine Droge. Sei mein Heroin, schieß' mich weg, sei mein Intravena und erfülle deinen Zweck.

Denn schließlich bist du Dealer und Dealer sind Diebe. Sie bieten dir Stoff an, Seide sei Liebe, doch anders als Textilie ist es mir inzwischen gleich, wenn sich dein Mund und dein Herz eine Lüge teilen.

Denn inzwischen höre ich nur noch mit einem halben Ohr deinen Worten zu, denn inzwischen male ich mir aus ein Seidenkleid mit weißen Schuhen.

Eine Freundin sagte einst Heroin mache Helden, doch stieß ich nie auf mein Kryptonit. Ich stieß auf ihn. Macht mich das zu einer Heldin?

Nein. Stattdessen lebe ich rote Träume. Stattdessen lebe ich weiße Rosen, rote Träume von duftenden Boten, den Überbringern ewiger Liebe.

Also mein Amor, sei mein Heroin, denn ich bin süchtig nach dir. Du machst mich glücklich. Glücklich süchtig.

N.N.


Aus dem Schatten ins Licht

08.04.2022

Am 08.04.2022 veranstaltete das Kulturzentrum BÜZ ihren Schreibworkshop unter der Leitung des pensionierten Lehrers für Philosophie und Theologie Volker Papke-Oldenburg.

Dieser Schreibworkshop war der erste von insgesamt acht Veranstaltungen des Jahres 2022 in denen philosophische Grundfragen mit aktuellem Bezug zur Gegenwart als Thema vorgestellt werden.

Ziele des Workshops sind zum einen die Fähigkeit zur Reflexion der eigenen Situation mit Hilfe alltagstauglicher Philosophie zu entwickeln und diese in Wort und Bild kreativ zum Ausdruck zu bringen. Zum anderen ist es die offene Begegnung von jungen Menschen, Senioren, Geflüchteten und im Integrationsprozess Stehenden zum interkulturellen Erfahrungsaustausch. Zur Inklusion von Hörbehinderten werden Übertragungsanlagen mit Kopfhörern eingesetzt

Das Thema des Tages war das “Höhlengleichnis” des griechischen Philosophen Plato. Das “Höhlengleichnis” will in Form des Gleichnisses eine Lehre vermitteln, nämlich den Weg von der Erfahrung der Unwissenheit hin zum Erkennen der Wirklichkeit. In der Vorstellung Platos muss sich der Mensch von den Schattenbildern, die er an der Wand der Höhle wahrnimmt, lösen und sich umdrehen, um zu erkennen, dass seine wahrgenommene Wirklichkeit nur die Schatten der Wirklichkeit darstellen und er aufgerufen ist, den Weg der Erkenntnis des Wirklichen zu gehen.

Die mit dem ausgewählten Thema verbundene Intention war die Frage: “Was glaubst oder meinst du denn?” mit der eigenen Wahrnehmung der sozialen Medien zu verbinden. Des weiteren wurde gefragt, ob es eine Möglichkeit gibt, die verbreiteten Fake News zu erkennen und ob es einen methodischen Ansatz dafür gibt, um wahre Behauptungen von Fake News zu unterscheiden.

Das “Höhlengleichnis” wurde vom Leiter Volker Papke-Oldenburg als Geschichte mit Bildern und einer Erzählerstimme auf der Leinwand präsentiert. Danach schrieben die zwölf Teilnehmer innerhalb von 20 Minuten ihre Erkenntnisse und Eindrücke zum Thema auf.

Anschließend erfolgte die Vorstellung des Geschriebenen. Darin teilten die Teilnehmer ihre Erkenntnisse und Eindrücke in Kurztexten mit und verbanden diese mit persönlichen Erfahrungen, z.B. der Flucht nach Deutschland und der Wahrnehmung der Umwelt im Alltag.

Im Rahmen der Diskussion erkannten die Teilnehmer, dass der Zweifel am Wahrheitsgehalt einer Nachricht ein methodischer Weg sein kann, um Fake News zu überprüfen und diese als solche zu erkennen und damit deren Eigenart, die Geschichte zu verdrehen, um eine Wirkung zu erzeugen.

Die Diskussion war geprägt von einem wertschätzenden und konstruktiven Dialog zwischen Menschen unterschiedlichen Alters und kulturellem Hintergrund.

Für die weiteren sieben Veranstaltungen des Workshops sind alle Menschen eingeladen, die sich mit einer der zentralen Grundfragen wie: “Was ist der Mensch?”, “Was soll ich tun?”, “Was kann (soll) ich wissen?” oder “Was darf ich hoffen?” auseinandersetzen und sich durch ein Tagesthema zum Ausdruck der eigenen Vorstellungen inspirieren lassen möchten. Sie sind eingeladen, die Erfahrung zu machen, den eigenen Text oder das eigene Bild dann im Rahmen eines wertschätzenden Diskurses zu präsentieren, anderen zuzuhören und gemeinsam zu diskutieren.

Carsten Stallbörger

Zweifel im und am Höhlengleichnis von Platon

von Doris Pütz

Platon muss ein sehr kluger Mensch gewesen sein. Das Höhlengleichnis ist eine faszinierende Geschichte über die Erkenntnismöglichkeiten der Menschen.

Bleiben wir erstmal in der Höhle.

Ich stelle mir vor, ich fliege als Biene durch meinen Garten. Sehe ich die Welt so wie sie ist? Wie erlebe ich sie?

Als Biene sehe ich die Farbe rot als schwarz, aber dafür sehe ich ultraviolett. Also meine Welt ist eine völlig andere als die Menschenwelt.

Der Hund hat eine Riechwelt.

Aber wie ist nun die wirklich Welt?

Sie ist und bleibt nichts anderes, als wie wir sie mit unserer Begrenztheit erfassen können, mit unseren Sinnen, unserem Denken. Und auch unser Denken ist begrenzt, denn nicht losgelöst von unseren körperlichen Voraussetzungen  und wiederum den Sinnen.

Also letztendlich bleiben wir Höhlenmenschen.

Für Immer?

Zum Teil. Unser Höhlendasein öffnet sich zunehmend, Erkenntnis geht immer weiter.

Darüber könnten wir uns alle freuen. Aber das ist nur die eine Seite. Wissen kann bedrohlich sein. Wir alle suchen nach einem schlüssigen Weltbild. Die Zunahme des Wissens und die stets darin vorhandenen Diskrepanzen überfordern oft und sind schwer zu ertragen. Und das ist die Chance der Fake News. Sie schaffen ein einfaches Weltbild, egalisieren Diskrepanzen und sind bequem.

Was hilft dagegen?

Eine gute Bildung, lebenslanges Lernen, Ringen um Erkenntnis und Wahrheit und die zeitgleiche Bewusstheit unserer Grenzen sind die einzigen Möglichkeiten die wir haben einen Blick aus der Höhle zu werfen.

Und das betrifft nicht nur das sachliche Wissen. Es gilt in besonderer Weise unsere Mitmenschen zu verstehen und zu respektieren. Gefangen in unserer Erziehung, Kultur, in unseren Genen werden wir niemals in der Lage sein den anderen zu begreifen in seiner Totalität. Besonders beim Beurteilen und Verurteilen des anderen überschreiten wir unsere wirklichen Kompetenzen. Wir können nur versuchen sich dem Nächsten  empathisch zu nähern und müssen nicht Nachvollziehbares als unsere Grenze wahrnehmen und akzeptieren.

Das Bewusstsein unseres Höhlendaseins verbunden mit dem Streben nach dem Licht macht uns human, menschlich, lässt uns bescheiden werden offen und sozial aber gleichermaßen klug und vielleicht weise.

Platon muss ein sehr kluger Mensch gewesen sein.