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2021/22

Café International

Erzählcafé - die Fortsetzung

Café International

Erzählcafé - die Fortsetzung

Wir setzen in diesem Erzählcafé erstmalig einen Geflüchteten selbst als Projektleiter ein und erreichen damit hohe Authentizität gegenüber den Teilnehmer*innen. Mohammad Ghneem ist Politologe aus Damaskus, arbeitet im Integrationsbüro Minden und gehört dem Integrationsrat der Stadt Minden an. Er hat regelmäßig unsere interkulturellen Projekte zunächst als Dolmetscher begleitet, dann einzelne Workshops in Eigenverantwortung geleitet.

Das Konzept für das Café International hat er gemeinsam mit Teilnehmer*innen des von der Soziokultur NRW geförderten Vorjahresprojekts „Meine Familie und ich“ entwickelt aus Themen, die zwar peripher auftauchten, aber in dem Rahmen nicht vertieft werden konnten, da die Corona-Situation auf den Nägeln brannte und immer wieder breiten Raum einnahm.

Unsere Teilnehmer*innen stammen aus Migranten- und binationalen Familien, hinzu kommen Jugendliche und Erwachsene aus inner- und außerschulischen Integrationskursen und –klassen. Durch den geselligen Rahmen einer Kaffeestunde, die sie selbst mitgestalten, bieten wir damit insbesondere auch Neuankömmlingen in unserer Stadt einen niederschwelligen Einstieg im Rahmen des Kulturzentrums BÜZ, der den Vorjahresteilnehmer bereits vertraut ist.

Durch die Jugendzentren finden auch Interessenten aus den Stadtteilen und sozialen Brennpunkten zu uns, Kinder bringen ihre Eltern mit. Für kleine Kinder stellen wir eine Betreuung im Caféraum mit ständiger Kontaktmöglichkeit zu ihren Eltern. Für alle vertretenen Sprachen setzen wir Dolmetscher ein.

Der Austausch der Familien untereinander zeigt ihnen vor allem, dass sie mit Erfahrungen, Problemen und Bedürfnissen in der neuen Heimat nicht allein stehen. Antworten und Austausch wirken erleichternd, anregend und steigern die Bereitschaft, kulturelle Unterschiede zwischen verschiedenen Nationalitäten nicht als Kollisionen, sondern als – oft überraschende - Bereicherung zu erfahren und zu werten. Dabei wollen wir immer wieder Gesprächsgelegenheiten bieten für binationale Familien. Wir schaffen ein Ambiente, das den Teilnehmer*innen das Selbstbewusstsein vermittelt, ihre unterschiedlichen Positionen und Meinungen ohne Streß mit Freude an der Geselligkeit darzulegen.

Durch die Teilnahme interessierter Biodeutscher stellen wir immer wieder den Bezug zu den hiesigen Verhältnissen her. Dabei findet gegenseitiges Lernen und Akzeptanz statt.


Ernst Böcker GmbH & Co. KG

Sparkasse Minden-Lübbecke

Stadt Minden

11.12.2022

Retrospektive und Prospektive

Aus vielerlei Gründen war dieser Sonntag ein besonderer Tag. Zur Erinnerung: Tatsächlich startete das Café International bereits im Frühjahr 2020. Drei volle Kalenderjahre konnte es wachsen und gedeihen und sich im BÜZ als feste Instanz etablieren. Und: Es hat auch die Corona-Einschränkungen überlebt. Das musste bei Kaffee und Kuchen gefeiert werden. Der Tisch war üppig mit Gaben der Anwesenden gedeckt, leckere Kuchen oder Makronen nach orientalischen Rezepten. Für Leib und Wohl war folglich gesorgt. Auch für die Kinderbetreuung. Die Gäste waren auch wieder zahlreich erschienen – das Café als Ort für kulturellen Austausch, Geselligkeit und Gemütlichkeit war nun einmal längst bekannt. Ferner galt es in der Retrospektive den Erwerb des Führerscheins für Mohamad Oumari zu feiern. Das Datum lag genau ein Jahr zurück.

Mohamed Ghneem vergaß in seinem Prolog nicht auf die gesellschaftspolitische Einflussnahme der globalen Ereignisse des Jahre 2022 hinzuweisen – die Inflation, die Energiekrise, der Klimawandel oder der Ukraine-Krieg.

Einige der Themen des vergangenen Jahres wurden detaillierter skizziert, wie zum Beispiel der Trauerfall der Familie Terro. Ihr Kind Aischa war eine Woche nach der Geburt verstorben. In diesem Zusammenhang wurde nochmals über Beerdigungszeremonien und – rituale im Okzident und Orient diskutiert.

Auch wurde der Zufall thematisiert, dass der Osnabrücker Verein Exil mit einer Sonntagsgruppe von Geflüchteten den Weg ins BÜZ fand.

Ein weiterer Schwerpunkt war die Auseinandersetzung mit der Rolle der Frau im Westen und in islamischen Ländern. Ein aktueller Zeitbezug wurde dabei zur politischen Situation im Iran hergestellt. Daraufhin stellten einige der Teilnehmenden fast automatisch einen Demokratievergleich zwischen Ländern wie Syrien und Deutschland her: Wie verhält sich die Polizei? Wie geht ein Kontakt mit der Rechtstaatlichkeit aus? Die jugendlichen Scouts erwähnten dabei, dass es in Deutschland durchaus Diskriminierungen geben kann, im Übrigen auch in der Schule durch die Lehrerschaft.

Nach der verdienten Pause kehrte das Thema Rolle der Frau nochmals als Tagungsordnungspunkt zurück. Eine Anwesende aus Eritrea, die zuletzt eine Zeitlang in der ehemaligen Heimat bei ihren Verwandten war, gab Einblicke in die Situation vor Ort: Kein Vergleich mit Deutschland sei möglich, in Eritrea sei die Stellung der Frau hoffnungslos. Zwei ihrer Schwestern seien zum Militärdienst einberufen worden, ihr Bruder auch. Seit 1998 herrscht dort der Kriegszustand.

Zum Ende hin ging es um die Prospektive. Das nächste Café International ist auf den 5.Februar 2023 terminiert. Thema: Das liebe Geld.

Für weitere Veranstaltungen wurden Vorschläge gesammelt:

  • Geflüchtete können ihren Heimatort darstellen (z.B. mit Fotos, Videos)
  • Was haben die Großeltern früher gespielt?
  • Welche Perspektiven sind für gute Fotos sinnvoll?
  • Ein Café mit verkleideten Gästen
  • Ein Termin, der sich speziell mit den Problemen von Jugendlichen (z.B. in der Schule) befasst
  • Fotos zu einem Internationalen Gedenktag zusammentragen

So ging das bewegte Jahr 2022 zu Ende: Mit einem Dezember-Termin ohne Corona-Maßnahmen.

Volker Papke-Oldenburg

Fotos: Detlef Müller


12.11.2022

Frauen zwischen Tradition und Moderne

Das BÜZ veranstaltete ein Cafe International mit Teilnehmer*innen aus verschiedenen Kulturen: Deutschland, Syrien, Ukraine, Russland, Tunesien, Afghanistan und der Türkei. Thema des Tages war die Situation der Frauen zwischen Tradition und Moderne  und den Veränderungen für Frauen, die in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben und deren gesellschaftliche Teilhabe im Alltag in den Kontexten Emanzipation, Freizeit, und eigenem Beruf neben Küche und Kindererziehung.

Nach der Begrüßung durch Peter Küstermann übernahm der Projektleiter Mohamed Ghneem, Dipl. Politologe aus Damaskus, Syrien, die Moderation und eröffnete die Diskussion mit der Frage nach der Rolle der Frau in der arabischen Welt und was sich für die angekommenen Frauen verändert hat.

In den lebendigen Berichten der Teilnehmer*innen wurde deutlich, dass die Frau als Mutter einen Sonderstatus in der arabischen Welt genießt und als wichtiger eingestuft wird als der Vater, weil sie dreimal im Koran erwähnt wird und der Vater nur einmal. Diesen Sonderstatus hat die Mutter insbesondere in den Augen der Kinder. Teilnehmerinnen aus Syrien erzählten, dass die Mutter mangels Kindertagesplätzen für die Kindererziehung zuständig sei, ebenso für den Haushalt und das Recht zur Arbeit habe. Ein Recht, das Frauen in der arabischen Welt grundsätzlich uneingeschränkt haben. Veränderungen erlebten die Teilnehmerinnen in Deutschland durch bestimmte Schutzgesetze, wie den Mutterschutz und die erweiterten Möglichkeiten der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit.

Die russischen und ukrainischen Teilnehmer*innen stellten eine Rolle der Frau in ihren Heimatländern dar, die der in Deutschland entspricht. Mit dem Hinweis, dass es in der Ukraine viel mehr Kindertagesplätze als in Deutschland gab.

In der Pause genossen die Teilnehmer*innen die selbst hergestellten  Kuchen und Gebäcke aus ihrer Heimat mit Kaffee und Tee.

Die zweite Hälfte war geprägt von der "Kopftuchdebatte".

Die Teilnehmerinnen, die teils ein Kopftuch trugen, berichteten übereinstimmend, dass das Tragen von Kopftüchern in der arabischen Welt und auch in Deutschland grundsätzlich freiwillig sei und auf religiösen oder ästhetischen Motiven beruhe. Dies bestätigend, erzählte eine türkischstämmige Teilnehmerin von ihrem Großvater, der Imam war und in seiner liberalen Interpretation des Korans keine Kopftuchpflicht für Frauen fand.

Ausnahmen bestünden nur unter der Herrschaft bestimmter Systeme, beispielsweise den Taliban, oder in fundamental religiösen Familien. So berichtete eine junge Afghanin von ihrem Wunsch, nach der Ausbildung freiwillig ein Kopftuch zu tragen, und von der Freude es nicht tun zu müssen, wie unter der Herrschaft der Taliban. Eine Freiwilligkeit zum Kopftuchtragen, die für deutsche Frauen in den 50er Jahren üblich war, wie eine deutsche Teilnehmerin erinnerte.

In der Schlussrunde bedanken sich die Teilnehmer*innen für die vielfältigen Eindrücke aus den anderen Kulturen und den offenen und respektvollen Gedankenaustausch.

Carsten Stallberger

Fotos: Detlef Müller


16.10.2022

Ein Trauerfall und überraschende Gäste

Aus aktuellem Anlass wurde das ursprüngliche Thema „Integration in Zeiten von Krieg und Corona“ von der Tagesordnung genommen. Eine Wiederaufnahme wird zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen.

Wieder war eine Vielzahl von Gästen an diesem Sonntag anwesend. Natürlich war Ridha als Dolmetscher wichtig, aber auch der gedeckte Tisch mit Kuchen und Kaffee erfreute die Anwesenden. Es war ein trauriger und emotionaler Tag. Das jüngste Kind Aischa der häufig anwesenden Familie Terro war eine Woche nach der Geburt verstorben. Gebührend fand eine Trauerminute statt. Peter Küstermann, gekleidet mit einer schwarzen Krawatte, überreichte der Familie Terro weiße Blumen. Dabei erläuterte er auch die christlichen Zeremonien – die schwarze Kleidung und die weißen Blumen. Die Gäste empfanden es als bemerkenswert, dass die Familie Terro anwesend war.

Anschließend ging es in die Pause mit den leckeren Gerichten. Hier gab es einige interessante Bedeutungserklärungen zum Gericht Harissa. In Tunesien ist Harissa eine aus dem Maghreb stammende scharfe Gewürzpaste aus frischen Chilis, Kreuzkümmel, Koriandersamen, Knoblauch, Salz und Olivenöl, folglich sehr scharf. In Syrien ist es ein Grießkuchen, der eher süßlich schmeckt. Dieser Kuchen war auf dem gedeckten Tisch zu finden.

Der Zufall oder das Schicksal sorgte an diesem Nachmittag für eine weitere Überraschung. Im Gegensatz zum traurigen Ereignis mit dem Tod der kleinen Aischa gab es nun eine positive Überraschung: Zufällig hatte eine große Gruppe, die auf einem Sonntagsausflug unterwegs war, den Hinweis auf das Café International gelesen. Nach kurzer Überlegung wurden die Gäste willkommen geheißen. Da es über zwanzig Personen waren, musste umgebaut werden. Die Scouts schleppten weitere Stühle heran und ordneten sie an.

Nun die Informationen zu den neuen Gästen: Die Gruppe stammte aus Osnabrück und machte gerade einen Ausflug in Minden mit einer Schleusenfahrt an der Schachtschleuse. Der Osnabrücker Verein Exil betreut Geflüchtete bei der Integration und dazu gehören auch Ausflüge wie an diesem Sonntag. Marco, einer der ehrenamtlichen Begleiter, stellte die Teilnehmenden vor, die an diesem Tag überwiegend aus Syrien stammten. Peter Küstermann erläuterte den neuen Gästen das Konzept der politischen und kulturellen Bildung des BÜZ.

Grundsätzlich wurde über Fluchterfahrungen und Trauer berichtet. Meist blieben die älteren Menschen dann in ihrem Heimatland zurück. An sie wurde bei diesem Café International gedacht und es stellte sich heraus, die viele Großeltern oder teilweise auch Urgroßeltern noch lebten. Dabei kam schon ein Gefühl von Traurigkeit auf. Eine wichtige Frage lautete: Wie trauert ihr? Welche Kleidung wird dabei getragen? Wie wird beerdigt? Wie ist das mit dem Abschiednehmen?

Peter Küstermann berichtete über seine Eltern und deren Angst zu Beginn der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Er war nicht das erste Kind in der Familie, eine Schwester wurde vor ihm geboren, starb aber kurz danach. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten seine Eltern nicht trauern. Peter selbst befand sich später für ein Jahr im Trauerprozess und nahm Abschied von seiner Schwester. Marco berichtete sehr emotional von einer Beerdigung vom Tod der Mutter eines Freundes: Von der Zeremonie, dem Spielen eines Liedes und dem Lesen eines Textes. Von der persönlichen Verabschiedung vor dem Sarg, wie der Sarg in die Erde gelassen wird, Erde und Blumen darauf geworfen werden und dem anschließenden Treffen im Café.

Ein anwesendes Paar aus Guinea berichtete auf französisch von der muslimischen Tradition samt der Waschung des Körpers. Das Verbrennen des Leichnams ist im Islam ein Frevel.

Es war ein bewegender und trauriger Nachmittag, aber er war äußerst gelungen.

Volker Papke-Oldenburg

Fotos: Detlef Müller


17.09.2022

Mir fehlt meine zweite Familie

Dieses Thema, welches für Geflüchtete von großer Bedeutung sein kann, ist für den normalen Deutschen oft eher befremdlich. Daher war es wichtig, an diesem Nachmittag darüber zu diskutieren.

Wegen der „LANGE NACHT DER KULTUR“ musste die Veranstaltung schon gegen Mittag beginnen, waren doch für den Abend auf der Bühne des BÜZ viele Veranstaltungen vorgesehen.

Dieser Tag war auch noch ein besonderer Tag: Günter Dombrowa feierte seinen 77. Geburtstag. Es war sein ausdrücklicher Wunsch, diesen Tag mit großen Teilen seiner Familie, die eigens aus München und den USA angereist waren, im BÜZ zu feiern. Folglich waren die Plätze im BÜZ eng belegt und die Stimmung war ausgezeichnet. Günter gehört mittlerweile schon zum Inventar des BÜZ, ist er doch Mitglied der Männergruppe FEIERABEND und regelmäßiger Besucher von Veranstaltungen und Projekten. Seine Frau Renate durfte auch nicht fehlen, hatte sie doch im Wesentlichen für die vielen Torten und Kuchensorten auf dem gut gefüllten Tisch gesorgt.

Peter Küstermann hatte sich bemüht, eine vorgefertigte 77 in einem Laden zu besorgen. Dieses gelang ihm aber nicht, es gab nur eine 75. Also wurde improvisiert. Die 75 wurde an einer Flipchart befestigt und per Stift um 2 ergänzt. Geburtstagsreden wurden gehalten, eine Dankesrede auch. Natürlich wurde auch gesungen: Happy Birthday, auch auf arabisch. Ridha Bachta war für die Übersetzung und die musikalische Einstimmung verantwortlich.

Endlich erhielt Mohamed Gheem als Projektleiter das Wort und es konnte mit dem eigentlichen Thema losgehen. Ein spezieller Fall wurde thematisiert. Einem Geflüchteten war es mittlerweile gelungen, seine Familie nach Deutschland zu holen und zu integrieren. Allerdings hat er noch eine zweite Familie, welche in der Türkei festsitzt und auf eine Einreisegenehmigung wartet. Kann in Deutschland diese weitere Familienzusammenführung stattfinden?

Im Publikum war eine Fachfrau anwesend, die einmal bei der Ausländerbehörde gearbeitet hat. Sie erklärte die Rechtslage nach ihrem Wissenstand: Eine zweite Ehefrau kann nicht die Rechte ableiten, ein legaler Weg war ihr nicht bekannt. Allerdings können die Kinder aus dieser Ehe den legalen Aufenthaltsstatus erlangen. In Deutschland gilt die Einehe, auch steuerrechtlich oder bezogen auf die Krankenversicherung.

In der Diskussionsrunde wurde dann der Fokus auf den arabischen Raum gelegt. Ridha Bachta als Deutsch-Tunesier berichtete über die Rolle der Frau in Tunesien. Nach der Befreiung aus der kolonialen Abhängigkeit von Frankreich wurde das westliche Lebensmodell weitergelebt. Der tunesische Präsident erlaubte per Gesetz nur die Einehe. Ridha ging es darum, deutlich auf Unterschiede in einzelnen arabischen Staaten hinzuweisen. Darüber hinaus wurde über die Rolle der Frau gesprochen. Dabei wurde ein Stadt- und Landgefälle deutlich. Sabah berichtete von ihrer früheren Schulzeit: Sie wurde in Syrien nur von Lehrerinnen unterrichtet.

In der obligatorischen Schlussrunde wurde das Café International als wichtig für Minden herausgestellt: Andere kulturelle Ansichten werden vermittelt, unterschiedliche Generationen lernen voneinander und die Stimmung ist gut.

Günter, das Geburtstagskind, hatte einen großartigen Einstieg in seinen Geburtstag. Ihm gehörte das Schlusswort.

Volker Papke-Oldenburg

Fotos: Detlef Müller


03.07.2022

Opa stirbt, und ich kann nicht hin

Welch ein wichtiges Thema in Zeiten von Krieg, Zerstörung, Elend und Flucht!

Viele neue Gäste konnten an diesem Sonntag willkommen geheißen werden, arabisch, kurdisch, russisch und ukrainisch sprechend. Natürlich war das Dolmetschen wieder wichtig, aber auch der gedeckte Tisch mit Kuchen und Kaffee entzückte die Anwesenden. Ja, es war ein sehr emotionales Thema. Peter Küstermann verteilte einen von der MailrtAG am BÜZ im Jahre 2016 erstellten Katalog zum Thema Alte Heimat – Neue Heimat.

Projektleiter Mohamed Gheem hat mittlerweile einen deutschen Pass, einen Bachelor in Erziehungswissenschaften und arbeitet in einer KITA. Er berichtete von seiner persönlichen Betroffenheit – als sein Großvater in Syrien krank war, er aber nicht hinkonnte, weil er dort sofort zum Militärdienst eingezogen worden wäre. Mittlerweile ist der Großvater verstorben. Er hatte immer den großen Wunsch, Mohamed noch einmal in den Arm zu nehmen. Peter Küstermann, der auch für die syrischen Kids der OPA war und ist, griff diese Szene auf. Symbolisch nahmen Peter und Mohamed sich in den Arm.

Grundsätzlich wurde viel über Fluchterfahrungen und schmerzhafte Trennungen berichtet. Meist blieben die älteren Menschen dann in ihrem Heimatland zurück. Es wurde bei diesem Café international gedacht, und es stellte sich heraus, dass viele Großeltern oder teilweise auch Urgroßeltern noch lebten. Dabei kam ein Gefühl von Traurigkeit auf.

Erwähnt wurde die Möglichkeit, sich in einem anderen Land zu treffen. Deutschland war ja nach dem Zweiten Weltkrieg auch bis 1990 geteilt, es bestand aber grundsätzlich die Möglichkeit, sich beispielsweise in Ungarn zu begegnen.

Viktoria, ursprünglich aus Tadschikistan und gelernte Juristin, berichtete über ihre Flucht über Russland mit einjährigem Aufenthalt nach Deutschland, wo sie zwei Jahre illegal lebte. Glücklicherweise gab es Menschen, die sie in der Illegalität unterstützten und ihr beistanden. Ihre Angst war immer groß, von der Polizei zufällig aufgeschnappt zu werden. Sie erwähnte, dass das Erlernen der deutschen Sprache für die Integration unerlässlich ist.

Die geflüchteten Jugendlichen berichteten von Bomben in ihrer Heimat, von Heckenschützen, den Fluchtrouten über Libanon, Türkei und mit dem Boot nach Griechenland. Von traumatischen Erlebnissen mit der griechischen Küstenwache. Oder von der Flucht aus Tschetschenien über Moskau und Belarus nach Polen, wo zunächst die Rückweisung erfolgte. Sechs Kinder waren mit ihrer Mutter unterwegs. Schließlich gelang nachts mit dem Auto die Flucht nach Deutschland. Nach einem Jahr konnte der Vater mit einem Visum nachkommen.

Es war ein bewegender und trauriger Nachmittag, aber es gab auch viele Zeichen der Solidarität und der Hoffnung auf gelungene Integration.

Volker Papke-Oldenburg


22.05.2022

„Hilfe, mein Sohn ist schwul"

An diesem Sonntag traute sich das Café International, ein sehr wichtiges, aber auch heikles Thema auf den Veranstaltungsplan zu setzen. In der ersten Vorstellungsrunde stellte sich heraus, dass der überwiegende Teil der Anwesenden des wieder gut besetzten Cafés muslimischen Glaubens war. Somit waren viele der Gäste in der Tradition ihres Landes aufgewachsen und erzogen und es war zu erwarten, dass es zur Homosexualität konträre und ablehnende Haltungen geben würde. 

Die konservative Auffassung des islamischen Rechts betrachtet, weniger auf den Koran als vielmehr auf verschiedene Überlieferungen gestützt, homosexuellen Geschlechtsverkehr als zu bestrafendes Vergehen.

Der Veranstaltungsraum war dicht besetzt. Mohamed Gheem moderierte in gewohnter Manier, Ridha Bachta war als Dolmetscher an diesem Tag sehr gefragt. Für die Thematik war Roland Henß als Experte vom Queerpoint Minden, welcher im Turm des BÜZ beheimatet ist, eingeladen.

Selbst gebackene köstliche Kuchen, arabische Süßigkeiten oder Tee, zubereitet nach Landesart, durften nicht fehlen. Diese Köstlichkeiten wurden vom Publikum gern angenommen. Sie sorgten für eine angenehme Atmosphäre.

Roland Henß stellte in einem Kurzreferat die Aufgaben und Angebote der Beratungsstelle des Queerpoints vor und erläuterte das Kürzel LGBTIQ*. Ridha musste dabei viel übersetzen. Ferner referierte Roland Henß kurz über die historische Entwicklung und die derzeitigen rechtlichen Grundlagen in Deutschland. In Deutschland ist jede geschlechtliche Orientierung erlaubt. Jeder Mensch sollte lieben, wen er möchte. Es gibt für manche Menschen das Gefühl, im falschen Körper geboren zu sein. Der Queerpoint hilft diesen Menschen und setzt sich für deren Rechte ein. Er unterstützt auch bei Asylverfahren geflüchtete Menschen aus der LGBTIQ*-Community oder beim Coming-Out. Der Queerpoint ist ehrenamtlich und privat organisiert und funktioniert nach dem „Gleich berät Gleich“ - Prinzip. Unterstützung gibt es bei der Transberatung, bei HIV/Aids-Tests oder bei der Flüchtlingshilfe.

Logischerweise gab es bei der Zielgruppe im Café auch unterschiedliche Ansichten, gelegentlich auch dissonante Strömungen, aber das war bei dem Thema auch zu erwarten. Ein Anwesender sprach davon, dass eine Geschlechtsumwandlung nicht in Ordnung wäre. Grundsätzlich konnte aber festgestellt werden, dass Offenheit gegenüber den Informationen von Roland Henß vorherrschte. Somit konnte bei manch einem Teilnehmenden ein Gedankenprozess initiiert werden. Allein dieses war im Hinblick auf Integration in Deutschland ein wesentliches Kriterium.

Die abschließende Feedback-Runde ergab überwiegend positive Rückmeldungen zum Nachmittag.

Das nächste Café International ist für den 03.07.2022 terminiert. 

Volker Papke-Oldenburg


12.03.2022

Das liegt mir am Herzen

Dieser Tag geht in die Annalen des BÜZ ein, war es doch noch einmal eine Steigerung aller schon mit internationalem Publikum gut frequentierten Veranstaltungen zu diversen unter BÜZ-Digital dargelegten Themen.

Der Veranstaltungsraum war dicht besetzt – unter Berücksichtigung der aktuell noch gültigen Corona-Maßnahmen. Die Vielfalt der anwesenden Kulturen übertraf sämtliche Erwartungen, so dass intensive Dialoge entstehen konnten.

Ein besonderes Highlight: Eingeladen war die Bundestagsabgeordnete der GRÜNEN des Kreises Minden-Lübbecke – Schahina Gambir. Sie stellte ihren biographischen Hintergrund vor und stand für vielfältige Fragen aus dem Publikum zur Verfügung. (https://grüne-milk.de/schahina-gambir-bundestagskandidatin-fuer-den-kreis-minden-luebbecke/).

Peter Küstermann hatte zu Beginn demonstrativ einen Feuerlöscher unter dem Arm. Dieser sollte als ein Symbol betrachtet werden, um den Kriegsherd in der Ukraine zu löschen. Ihm war es wichtig auf die spontan organisierte Ausstellung an den Wänden des BÜZ zum Krieg in der Ukraine hinzuweisen. Er hatte seine Kontakte in die Ukraine und nach Russland genutzt, um Kunstwerke gegen den Krieg und Gewalt, Hass und Leid aus den betroffenen Ländern nach Minden zu holen. Und das trotz der beschwerlichen Transportwege in den Kriegszeiten. Ab Donnerstag, 9.3.22, war diese Ausstellung unter dem Titel „Wider die Angst“ im BÜZ zu sehen, mit wöchentlichen Präsenz-Terminen jeweils am Donnerstag.

Der Feuerlöscher hatte an diesem Tag aber auch eine reale Funktion. Wie schon häufiger war eine bi-nationale Familie (Segen/Hanno) anwesend. Dieses Mal war Segen prachtvoll eritreisch gekleidet. Peter Küstermann sprach sogar bewundernswert von Cleopatra. Mitgebracht hatten sie grüne Kaffeebohnen. Sie zelebrierten und erläuterten den Hergang des traditionellen Kaffee-Kochens in Eritrea. Dafür musste schließlich ein Feuerlöscher in der Reserve sein, ging es doch um eine offene Feuerstelle. Das gesamte Prozedere des Röstens und Mahlens über das Brühen mit einem Filter – hergestellt aus Pferdeschwanz, aber vorher in Salz gekocht - bis zum Ausschank kam beim Publikum sehr gut an. Außerdem gab es eine ausführliche Einweisung in die Kaffee-Kultur in Eritrea. Und: Der Kaffee schmeckte vorzüglich. Es wurde zusätzlich Brot mit Kümmel und Anis gereicht. Darüber hinaus war ein Tisch mit herkömmlichem Kuchen, weiterem Kaffee und Cola gut gedeckt. Der Kuchen schmeckte den Gästen in entspannter Atmosphäre wiederum vorzüglich.

Mohamed Gheem wertete die Anwesenheit der vielfältigen Nationalitäten als Zeichen uneingeschränkter Solidarität mit den Opfern des Krieges in der Ukraine, um dann den Fokus auf die Bundestagsabgeordnete Schahina Gambir zu lenken. Dabei erwähnte er, dass er auch Erfahrungen im Deutschen Bundestag gemacht hatte, als er ein Praktikum beim SPD-Bundestagsabgeordneten Achim Post absolvierte. Schahina Gambir erläuterte ihre Motivation, sich für die Politik zu entscheiden: Zum einen ihre persönlichen Erfahrungen nach der Emigration aus Afghanistan in Deutschland mit einem Duldungsstatus, aber auch schwerpunktmäßig Erfahrungen mit einem zunehmenden Rechtsextremismus wie dem Anschlag in Hanau im Jahre 2020. Sie ist nun in diversen Ausschüssen im Bundestag tätig und setzt sich stark für die Integration von geflüchteten Minderjährigen ein. Ferner geht es speziell um die Situation der Frauen und Mädchen unter den Taliban in Afghanistan, wobei sie darauf verwies, dass „die Taliban“ nicht als homogene Gruppe zu betrachten sind, gibt es unter ihnen doch auch gemäßigte oder fundamentalistische. Der aktuelle Krieg in der Ukraine kam in der Diskussionsrunde nicht zu kurz. Dabei wurde über den zu erwartenden Weizenausfall, über die Weltmarktpreise und bevorstehende Hungersnöte in afrikanischen Ländern gesprochen.

Ein Interview, welches von Peter Küstermann geführt wurde, rundete den Nachmittag ab. Er versetzte sich dabei in die Rolle eines Journalisten und befragte eine Afghanin und ihre Großmutter zur Situation in Afghanistan. Dürfen Menschen frei reden in Afghanistan? Wie verhält es sich mit der Angst? Die Antworten ließen sich in dem Wunsch nach Frieden, nach mehr Bildung für Mädchen und Frauen und dem Unterdrücken von Freiheitsgedanken verorten. Ridah äußerte noch den Wunsch nach einem Islam, welcher die Friedfertigkeit als Kerngedanken seiner Religion in den Mittelpunktrückt.

Das nächste Café International ist für den 22.5.2022 terminiert.

Thema: Hilfe, mein Sohn ist schwul.

Volker Papke-Oldenburg


MAMA SCHIMPFT AUF DEUTSCH - 09.01.2022

Dieser erste Termin im neuen Jahr konnte unter Berücksichtigung der aktuell gültigen Corona-Schutzverordnung stattfinden. Das BÜZ bot wieder einmal ein internationales Flair mit Gästen aus Tunesien, Syrien, Eritrea, Russland und Ostwestfalen. Risah war wieder als Dolmetscher vor Ort, aber an diesem Tag wurden seine Übersetzungskünste kaum gebracht, da die Anwesenden die deutsche Sprache recht gut beherrschten.

Der Tisch war mit Kuchen, Kaffee und Cola gut gedeckt. Es gab zum Jahresbeginn drei Ereignisse, die gebührend gefeiert werden sollten: Zu einen den Erwerb des deutschen Personalausweises für Mohamed Ghneem, zum zweiten die bestandene Fahrprüfung bei Mohamad Oumari und zum dritten den neunzehnten Geburtstag von Sidra.

Es gab viel Applaus und die Genannten durften die Kuchen und Torten anschneiden und mit viel Spaß möglichst gleichgroße Stücke für das Publikum schneiden.

Übrigens: Der Kuchen schmeckte den Gästen wiederum vorzüglich.

Mohamed Gheem verwies in einem Rückblick auf die gelungene Integration und Konversation im Café International im Jahre 2021. Es war wahrlich ein Projekt mit Leuchtturm-Charakter. Ferner gab er einen kurzen Überblick über die Veranstaltungen im laufenden Jahr.

Doch nun zum eigentlichen Thema des Nachmittags: Mama schimpft auf Deutsch. Peter Küstermann initiierte eine Schimpftirade, gerichtet an Mohamad Oumari. Nach dem Motto Papa schimpft auf Deutsch. Es war sehr impulsiv, die Schimpftiraden entstammten der Alltäglichkeit: Die Hausaufgaben waren nicht ordentlich gemacht worden, das Zimmer war nicht aufgeräumt oder die Schuhe nicht geputzt. Risah stand Peter Küstermann um nichts nach mit seiner impulsiven Darstellung der genannten Beispiele auf Arabisch, anschließend gab es eine wortgewaltige weibliche Inszenierung auf Eritreisch aus dem Publikum.

Diese theatralischen Slapsticks mündeten dann in eine Metaebene. Es gab eine intensive Diskussion darüber, wie zu Hause in den unterschiedlichen Kulturkreisen gesprochen wird: Die Kinder lernen in der Schule die deutsche Sprache, sie sprechen auch zu Hause mehr Deutsch. Häufig ist es so, dass die Mütter in der Schule den Kontakt zu den Lehrpersonen haben. Daher kann es vorkommen, dass die Mutter auch zu Hause auf deutsch schimpft – oder im Wechsel in der Muttersprache. Viele der Anwesenden brachten sich mit entsprechenden Erfahrungen in die Diskussion ein.

Es herrschte eine sehr angenehme und vertrauensvolle Stimmung vor und dabei wurden einige persönliche Anekdoten und Erfahrungen erzählt. Über Metaphern und Wortspielereien und den Umgang mit dem Verstehen von unterschiedlichen Deutungen in den jeweiligen Kulturkreisen wurde laut nachgedacht und die Atmosphäre im Plenum wurde immer besser.  

In einer abschließenden Feedback-Runde empfanden alle Anwesenden diesen Nachmittag als außerordentlich ergiebig.

Peter Küstermann verwies noch auf die nächste Veranstaltung am 12.03.22 zum Thema Das liegt mir am Herzen.

Volker Papke-Oldenburg


ZWISCHEN WEIHNACHTEN UND ZUCKERFEST - 19.12.2021

Trotz Corona konnte unter strengen Hygienemaßnahmen dieser letzte Termin im Jahr 2021 im BÜZ stattfinden, handelte es sich doch um außerschulische, interkulturelle und politische Bildung. Das Erzählcafé mit Gästen aus Syrien, Tunesien, Irak, Namibia, Eritrea und Ostwestfalen fand bei Cola, Kaffee und vielen mitgebrachten Torten und Kuchenblechen in Landesart statt, moderiert von Mohamed Gheem und Peter Küstermann.

Vorweg: Der Kuchen schmeckte den Gästen vorzüglich und es stellte sich auch die Frage nach dem Zuckerfest und dem davorliegenden Fastenmonat Ramadan. Die Veranstaltung war sehr gut besucht, und alle konnten sich intensiv in die Gesprächsthemen einbringen.

An diesem Sonntag sollte es darum gehen, wie Glaube und Religion die Integration behindern oder bereichern können. Geprägt war das Treffen auch von der Vielsprachlichkeit. Selbstverständlich leistete Ridha die Übersetzung ins Arabische und zurück ins Deutsche. Ziel der Zusammenkunft war auch, sich Gedanken über die Quellen der Feste zu machen.

Weihnachten gilt für Christen aus Tradition als ein wichtiges Fest. Die Geburt des Christenkindes wird gefeiert und es ist damit zusammen mit Ostern ein zentrales Fest des christlichen Glaubens. Der Weihnachtsbaum – obwohl ursprünglich ein heidnischer Kult – steht im Mittelpunkt. Es ist ein Fest der Freude, des Zusammenkommens, des Schenkens, der Liebe, der Vergebung und der Nächstenliebe. In Eritrea wird Weihnachten am siebten Januar gefeiert. Es wird geschlachtet und wer kein Schlachtvieh besitzt, isst bei den Bessergestellten mit. Es ist das Fest der Nächstenliebe. Eine Anwesende aus Windhuk, Namibia, berichtete darüber, dass diejenigen, die an Weihnachten nicht in die Kirche gehen, keine Geschenke erhalten.

Mohamed Gneem als Muslim feiert Weihnachten in Minden mit Freunden als Symbol der Integration.

Nachdem sehr viel über das Weihnachtsfest lebendig diskutiert wurde, lenkte Mohamad Gheem den Fokus auf das Zuckerfest. Es ist ein islamisches Fest und schließt den Fastenmonat ab, den Ramadan. In diesem Monat darf man nur essen und trinken, solange es draußen dunkel ist. Am Ende des Ramadans feiern die Familien und Freunde drei Tage lang, dass das Fasten zu Ende ist. Auf Arabisch heißt das Fest „Id al-Fitr“. In Deutschland ist das Fest eher aus der türkischen Übersetzung bekannt: Seker Bayrami – auf deutsch: Zuckerfest. Zum Zuckerfest kommen süße Speisen wie Baklava oder Feigen auf den Tisch.

Grundsätzlich wurde im Plenum viel über den Sinn des Fastens gesprochen und zum Teil auch kontrovers diskutiert. Erwähnt wurde, dass es das Fasten als religiöses Ritual auch im Katholizismus gibt, beginnend mit dem Aschermittwoch. Oder auch im Hinduismus bzw. Buddhismus.

Wichtig an diesem Nachmittag war der mehrmalige Hinweis darauf, wie viele Gemeinsamkeiten es in drei monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam gibt und, dass dieses doch ein wesentlicher integrativer Aspekt sein sollte. Nicht die Unterschiede sollten dominieren, sondern aufbauend auf den Gemeinsamkeiten der Aspekt der Nächstenliebe.

In einer abschließenden Feedback-Runde empfanden alle Anwesenden diesen Nachmittag als außerordentlich ergiebig und der Wunsch nach weiteren Sitzungen dieser Art wurde artikuliert.

Peter Küstermann verwies noch auf die nächste Veranstaltung am 09.01.22 zum Thema Mama schimpft auf Deutsch.

Volker Papke-Oldenburg


INTEGRATION IM ALLTAG  - 07.11.2021

Peter Küstermann begrüßte die Gäste, die sich zum plaudern und Kaffeetrinken eingefunden hatten und erläuterte die Coronaregeln, nach denen sich alle zu richten hatten.

Die Moderation oblag Mohamed Gheneem, der auch das Thema vorgab: Wie funktioniert das nachbarschaftliche Verhältnis und der Umgang mit Deutschen und anderen Kulturen?

Kontakte zu Bio-Deutschen gab es bei allen Familien. Herr Gheneem fragte nach Gettobildung.

Einig waren sich die Besucher darüber, dass der Stadtteil Bärenkämpen besser ist, als sein Ruf. Es gibt nur Probleme mit männlichen Jugendlichen, die sich auch mal eine Schlägerei liefern. Eine Teilnehmerin schilderte freundschaftliche Zusammenkünfte im Garten des Hauses.

Ein anderer Gast erzählte von seinem Einzug in die neue Wohnung. Danach stellte er sich bei allen Hausbewohnern vor. Einem älteren Mitbewohner aus der Hausgemeinschaft ist er nun ab und an behilflich.

Eine Jugendliche aus dem Kreis, deren Opa verstorben ist, geht mit einem älteren Herrn spazieren. Von ihm hört sie sich gern Geschichten an. Mit anderen Mitbewohnern aus dem Haus, hat sie losen Kontakt und man unterhält sich kurz, wenn man aufeinander trifft.

Eine angemessene Wohnung ist aber schwierig zu bekommen. Das bestätigten einige Anwesende. Vermieter hätten doch extrem Vorbehalte, ihre Wohnungen ausländischen Mitbürgern zu vermieten. Es meldete sich auch jemand, der sich für eine städtische Wohnungsgenossenschaft einsetzt.

Ich musste zugeben, das ich selber auch einige Klischees vor Augen habe, wenn ein männlicher, fremdländisch klingender Bewerber sich auf meine Wohnungsanzeige meldet. Ich habe dann sofort folgendes Bild vor Augen: ein Patriarch und seine Frau, die nichts zu sagen und zu entscheiden hat. Das möchte ich mir Tür an Tür nicht mit ansehen müssen. Würde eine selbstbewusste Frau zuerst mit mir sprechen, hätte das Ehepaar alle Chancen die Wohnung zu bekommen. Also Leute - meine Empfehlung: Frauen vor!

Auch die Jobsuche gestaltet sich schwierig. Einig war man sich über die Voraussetzung die Sprache beherrschen zu müssen. Eine Teilnehmerin wäre gern wieder in der Forschung tätig, hat aber bisher, trotz guter Ausbildung, keine Stelle finden können.

Bei Kaffeetrinken und angeregtem Plaudern verging die Zeit wieder wie im Fluge.


Café International - Statussymbol Schrebergarten - 26.09.2021

An diesem Sonntag fand das Erzählcafé mit Gästen aus Syrien, Tunesien, Marokko, und Ostwestfalen zu einem eigentlich typisch deutschen Thema bei Cola, Kaffee und Keksen statt, moderiert von Mohamed Gheem und Peter Küstermann. Dabei war ein wesentliches Element der gelungenen Veranstaltung wie immer die Ehrlichkeit der Anwesenden.

Die Veranstaltung war sehr gut besucht. Zu Beginn gab es ein Kinderratespiel – orientiert am Thema des Tages. Im Flyer prägte ein Bild mit einem typisch deutschen Schrebergarten die Ankündigung des Tages. Zu erraten war der Anzahl der Gartenzwerge auf dem Bild. Peter Küstermann stellte danach die Besitzer des typisch deutschen Schrebergartens mit Strom- und Wasseranschluss und Toilette vor: Es war die syrische Familie Oumari. Es bestand vor allem in der Einsamkeit der Corona-Zeit der Wunsch die Möglichkeit zu haben, in einen Garten gehen zu können und dabei Obst und Gemüse anzubauen, so wie es auch schon vor der Flucht in Syrien der Fall war. Mohammad Oumari erzählte seine Geschichte vom Erwerb des Schrebergartens und vom Verhältnis zu den deutschen Nachbarn. Es war unterschiedlich geprägt. Von Toleranz über Ignoranz bis hin zur rassistischen und diskriminierenden Anfeindung. Dabei wurde die Polizei gerufen, weil es zu oft zu laut war. Ein angebautes Element musste teilweise wieder abgerissen werden, weil es 30 Zentimeter zu lang war und nicht den baurechtlichen Normen entsprach. In der anschließenden lebhaften Diskussion wurde über Möglichkeiten der Annäherung im Sinne einer gelungenen Integration gesprochen: Manch einer der (Rentner-) Nachbarn könne einsam oder verhärtet sein. Somit warte er nur auf Konfliktsituationen, um sich selbst in den Fokus zu stellen. Willkommensangebote wie eine Einladung zum Tee böten eine Option des Gelingens. Folglich sollte der Versuch nicht unterlassen werden, bei Anfeindungen aufeinander zuzugehen. Aber jede Gesellschaft berge rassistisches und diskriminierendes Potenzial in sich, nicht nur die deutsche.

Mohamed Gheem verwies darauf, dass es wichtig sei die deutschen Gesetze und Verordnungen zu kennen. Auch Schrebergarten-Kolonien hätten Verordnungen.

Die Diskussionsrunde wich im Laufe des Nachmittags vom vorgegebenen Thema Schrebergarten ab, was sich aber positiv auf die Gesprächsrunde auswirkte. Dabei ging es um allgemeine Probleme bei der Integration und erlebter Diskrimierung. Vor allem Kinder, die kaum die deutsche Sprache beherrschen, seien in der Schule dabei überproportional betroffen. Ein Vater berichtete von seiner zehnjährigen Tochter, die gehänselt wurde. Gerade Kinder könnten nicht verstehen, warum sie diskriminiert werden. Dabei wurden Lösungsvorschläge vorgestellt: Wichtig sei es, dass die Lehrkräfte mit den Eltern und Kindern eng koordinieren und auch Einfluss auf die Klassengemeinschaft haben. Dem Erlernen der deutschen Sprache kommt dabei natürliche eine fundamentale Bedeutung zu.

Ängste vor alltäglichem Rassismus oder Diskrimierung auf der Flucht, in der Schule oder im Alltag wurden ebenfalls wie bei jedem Café International angesprochen, auch wurden Sorgen und das Gefühl von Fremdsein in Deutschland thematisiert.

Alle Teilnehmenden konnten sich intensiv in das Gesprächsthema einbringen. Geprägt war das Treffen auch von der Vielsprachlichkeit, so dass ein wesentlicher Wohlfüll-, Verständnis- und Integrationsfaktor die Übersetzung ins Arabische oder Kurdische und zurück ins Deutsche war. Neben Mohamed Gheem müssen hier auch Sidra von den Kultur-Scouts und Ridha Bachta erwähnt werden.

In einer abschließenden Feedback-Runde bedankten sich alle Teilnehmer*innen für die offene, ehrliche und betroffene Diskussionsrunde. Peter Küstermann verwies noch auf die nächste Veranstaltung am 07.11.21 zum Thema Integration im Alltag.

Volker Papke-Oldenburg


Café International - Wenn die Liebe hinfällt - 07.03.2021

Nach einigen Monaten lockdown-bedingter Zwangspause traf sich der bei den Teilnehmenden wachsender Beliebtheit erfreuende Kreis aus geflüchteten und deutschen und binationalen Paaren und Familien am Sonntag, den 07. März 2021 wieder einmal im Kulturzentrum BÜZ. Auch dieses Jahr soll es insgesamt wieder sechs Termine für die letztes Jahr ins Leben gerufene Reihe für Geflüchtete und zwei- bzw. mehrsprachige Familien geben - Peter Küstermann, der das Erzählcafé in Minden begründete, berichtet gleich zu Beginn erfreut von einer Neuauflage öffentlicher und privater Förderbeiträge, die auch 2021 eine Fortsetzung ermöglichen.

Bei dieser Gelegenheit gibt er gleich das Wort an den diesjährigen Moderator und Projektleiter der Reihe weiter: Mohamed Ghneem. Der Endzwanziger kommt ursprünglich aus Syrien und ist schon seit einiger Zeit in der lokalen gesellschaftlichen und kulturellen Szene integrativ tätig. In gewisser Weise ist es ein Meilenstein - das aktuelle Erzählcafé, das sich mit Fragen zu multi-ethnischen Familienthemen befasst, ist nun das erste Projekt am Kulturzentrum BÜZ, das von einem ehemaligen Geflüchteten geleitet wird.

Gerade für solche Nachmittage des gegenseitigen Austausches fühlt es sich zunächst natürlich ein wenig steif an, sich mit gebührendem Abstand und Maske und jeweils streng nach Haushalten getrennt gegenüber zu sitzen. Doch alle bekunden ihre Freude darüber, dass überhaupt wieder Zusammenkünfte im Rahmen der Verordnung zu außerschulischen Bildungsangeboten stattfinden können. Die meisten der anwesenden kleineren Kinder hält es nicht lange auf ihren Stühlen, sie ziehen sich in die auf der Bühne liebevoll eingerichtete Spielecke zurück, und die Erwachsenen berichten erst einmal, wie es ihnen in den zurückliegenden Monaten seit dem letzten Treffen ergangen ist. Dabei tritt zutage, welche persönlichen Dramen sich während des Lockdowns abgespielt haben: die Teilnehmenden berichten von Todesfällen im Familienkreis, Herzinfarkten, gebrochenen Beinen oder auch den Schwierigkeiten der Kinderbetreuung und des Homeschoolings während der Zeit von Hort- und Schulschließungen.

Zwischendurch wird immer wieder aus dem und ins Arabische übersetzt, damit auch alle genau mitbekommen, worum es geht, und schon bald fällt die anfängliche leichte Scheu nach der monatelangen Live-Abstinenz von den Teilnehmenden ab. Es entspinnt sich eine angeregte Diskussion über Sinn und Unsinn einzelner Lockdownmaßnahmen und über die durch die Viruskrise entstandenen Verwerfungen. Da können etwa neugeborene Enkelkinder monatelang nicht von ihren Großvätern besucht werden, da kommen in Quarantänesituationen traumabedingte Fluchtreflexe zum Vorschein, kann in den ohnehin schon angespannten Lebensumständen vor allem der Geflüchtetenfamilien weniger Hilfestellung erfolgen. Andersherum gibt es auch einige, die die Situation eher weniger belastend empfinden, es gar genießen, mehr Zeit für sich selbst zu haben. Die Wahrnehmung krisenhafter Zeiten bleibt teilweise auch eine individuelle Angelegenheit - Corona erscheint eben gerade nicht als der große Gleichmacher, wie es oft behauptet worden ist.

Moderator Mohamed Ghneem leitet derweil zum eigentlichen Thema des Treffens über: "Wenn die Liebe hinfällt" - das Wortspiel bringt schon zum Ausdruck, dass es um Konfliktaustragung zwischen Paaren unterschiedlicher Herkunft und Mentalität und deren Familien geht. Wie gehen die Teilnehmenden damit um, welche Strategien der Bewältigung haben sie? Die Frauen und Männer, die in unterschiedlichsten Konstellationen miteinander zusammenleben, geben Beispiele, und schnell wird klar, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sein können, die Partner etwa allein durch die Benutzung oder Nichtbenutzung von Höflichkeitswendungen wie "bitte" und "danke" haben, die in unterschiedlichen Ethnien eben auch unterschiedliche Bedeutungsspielräume bekommen. Und so schält sich schon bald ein ziemlich einhelliger Konsens heraus: ohne eine "vernünftige" Kommunikation geht es nicht. Dabei spielt beileibe nicht nur, aber eben auch der gegenseitige Spracherwerb eine Rolle. Noch wichtiger aber sind vielleicht gegenseitiger Respekt und Kompromissfähigkeit, der Wille, aufeinander zuzugehen und einvernehmliche Lösungen zu finden. Nicht immer mit zwei Augen sehen, auch mal eines zumachen, befindet einer. Überhaupt wird bei allen individuellen Differenzen wieder einmal klar, wieviel mehr Gemeinsamkeiten Menschen verbinden als Unterschiede sie trennen. Das Café International also als kleines Abbild der Menschheitsfamilie? Ja sicher, auch wenn eben mitunter mal leidenschaftlich gestritten wird.

Während und nach der Kaffeepause, die auflagenbedingt bei immerhin leidlich frühlingshaftem Wetter im Freien und auf Abstand auf dem Johanniskirchhof stattfindet, kommt das Gespräch erst so richtig in Fahrt. Was geschieht, wenn die Konflikte so tiefgreifend werden, dass Trennungen im Raum stehen? Auch hierzu gibt es eigene Erfahrungen im Kreis der Teilnehmenden, nicht alle sind zum ersten und einzigen Mal verheiratet. Liebe sei wie Glas, befindet jemand. Insbesondere auf Kinder müsse in so einer Situation Rücksicht genommen werden. Ein langsames, vielleicht auch nur vorübergehendes Sich-Zurückziehen vom anderen, ohne ihn zu verletzen, könne manchmal helfen. Ob eine Beziehung gekittet werden kann oder im Hinblick auf den Nachwuchs sogar aufrecht erhalten bleiben muss, darüber gibt es gegensätzliche Ansichten. Auch für die Kinder kann bei anhaltenden Querelen eine endgültige Trennung der Eltern die bessere Lösung sein, befinden einige, unauthentische Partnerschaften färbten schließlich auch auf die Beziehungsfähigkeit der nachfolgenden Generation ab. Schließlich, gibt jemand zu bedenken, gingen Verbindungen auch an der individuellen Weiterentwicklung von Menschen entzwei. Das ganze Thema wird von den Diskutierenden kontroverser und leidenschaftlicher angegangen, als es explizit um den Nachwuchs geht. Das Verantwortungsbewusstsein ist offensichtlich groß; die Paarbeziehung könne eben nicht isoliert gesehen werden, und auch die erweiterte (Groß-)Familie werde in einigen Kreisen zu Rate gezogen. Auch Geldfragen und wirtschaftliche Abhängigkeiten werden in den Blick genommen.

Den Abschluss bildet eine kurze Runde, in welcher die Teilnehmenden noch einmal zum Ausdruck bringen, was ihnen an der Zusammenkunft am besten gefallen hat. Allen ist anzumerken, dass die Zurückgezogenheit der Coronazeit abgefärbt hat und man sich nach dem tollen Austausch der Runde gesehnt hat. Es wird als integrativ und tröstlich empfunden, offen sprechen dürfen. Die  vielfältigen Meinungen ergäben ein differenziertes Gesamtbild und würden als bereichernd empfunden.

Auf der BÜZ-Agenda stehen fünf weitere Termine des Café International, stets sonntags um 14 Uhr am 30.05., 29.08., 26.09., 07.11. und 19.12.2021. Neueinsteiger sind herzlich willkommen! 

Marcus Neuert