2021

Café International

Erzählcafé - die Fortsetzung

Café International

Erzählcafé - die Fortsetzung

Wir setzen in diesem Erzählcafé erstmalig einen Geflüchteten selbst als Projektleiter ein und erreichen damit hohe Authentizität gegenüber den Teilnehmer*innen. Mohammad Ghneem ist Politologe aus Damaskus, arbeitet im Integrationsbüro Minden und gehört dem Integrationsrat der Stadt Minden an. Er hat regelmäßig unsere interkulturellen Projekte zunächst als Dolmetscher begleitet, dann einzelne Workshops in Eigenverantwortung geleitet.

Das Konzept für das Café International hat er gemeinsam mit Teilnehmer*innen des von der Soziokultur NRW geförderten Vorjahresprojekts „Meine Familie und ich“ entwickelt aus Themen, die zwar peripher auftauchten, aber in dem Rahmen nicht vertieft werden konnten, da die Corona-Situation auf den Nägeln brannte und immer wieder breiten Raum einnahm.

Unsere Teilnehmer*innen stammen aus Migranten- und binationalen Familien, hinzu kommen Jugendliche und Erwachsene aus inner- und außerschulischen Integrationskursen und –klassen. Durch den geselligen Rahmen einer Kaffeestunde, die sie selbst mitgestalten, bieten wir damit insbesondere auch Neuankömmlingen in unserer Stadt einen niederschwelligen Einstieg im Rahmen des Kulturzentrums BÜZ, der den Vorjahresteilnehmer bereits vertraut ist.

Durch die Jugendzentren finden auch Interessenten aus den Stadtteilen und sozialen Brennpunkten zu uns, Kinder bringen ihre Eltern mit. Für kleine Kinder stellen wir eine Betreuung im Caféraum mit ständiger Kontaktmöglichkeit zu ihren Eltern. Für alle vertretenen Sprachen setzen wir Dolmetscher ein.

Der Austausch der Familien untereinander zeigt ihnen vor allem, dass sie mit Erfahrungen, Problemen und Bedürfnissen in der neuen Heimat nicht allein stehen. Antworten und Austausch wirken erleichternd, anregend und steigern die Bereitschaft, kulturelle Unterschiede zwischen verschiedenen Nationalitäten nicht als Kollisionen, sondern als – oft überraschende - Bereicherung zu erfahren und zu werten. Dabei wollen wir immer wieder Gesprächsgelegenheiten bieten für binationale Familien. Wir schaffen ein Ambiente, das den Teilnehmer*innen das Selbstbewusstsein vermittelt, ihre unterschiedlichen Positionen und Meinungen ohne Streß mit Freude an der Geselligkeit darzulegen.

Durch die Teilnahme interessierter Biodeutscher stellen wir immer wieder den Bezug zu den hiesigen Verhältnissen her. Dabei findet gegenseitiges Lernen und Akzeptanz statt.

Förderer

Ernst Böcker GmbH & Co. KG

Sparkasse Minden-Lübbecke

Stadt Minden

Café International - Wenn die Liebe hinfällt - 07.03.2021

Nach einigen Monaten lockdown-bedingter Zwangspause traf sich der bei den Teilnehmenden wachsender Beliebtheit erfreuende Kreis aus geflüchteten und deutschen und binationalen Paaren und Familien am Sonntag, den 07. März 2021 wieder einmal im Kulturzentrum BÜZ. Auch dieses Jahr soll es insgesamt wieder sechs Termine für die letztes Jahr ins Leben gerufene Reihe für Geflüchtete und zwei- bzw. mehrsprachige Familien geben - Peter Küstermann, der das Erzählcafé in Minden begründete, berichtet gleich zu Beginn erfreut von einer Neuauflage öffentlicher und privater Förderbeiträge, die auch 2021 eine Fortsetzung ermöglichen.

Bei dieser Gelegenheit gibt er gleich das Wort an den diesjährigen Moderator und Projektleiter der Reihe weiter: Mohamed Ghneem. Der Endzwanziger kommt ursprünglich aus Syrien und ist schon seit einiger Zeit in der lokalen gesellschaftlichen und kulturellen Szene integrativ tätig. In gewisser Weise ist es ein Meilenstein - das aktuelle Erzählcafé, das sich mit Fragen zu multi-ethnischen Familienthemen befasst, ist nun das erste Projekt am Kulturzentrum BÜZ, das von einem ehemaligen Geflüchteten geleitet wird.

Gerade für solche Nachmittage des gegenseitigen Austausches fühlt es sich zunächst natürlich ein wenig steif an, sich mit gebührendem Abstand und Maske und jeweils streng nach Haushalten getrennt gegenüber zu sitzen. Doch alle bekunden ihre Freude darüber, dass überhaupt wieder Zusammenkünfte im Rahmen der Verordnung zu außerschulischen Bildungsangeboten stattfinden können. Die meisten der anwesenden kleineren Kinder hält es nicht lange auf ihren Stühlen, sie ziehen sich in die auf der Bühne liebevoll eingerichtete Spielecke zurück, und die Erwachsenen berichten erst einmal, wie es ihnen in den zurückliegenden Monaten seit dem letzten Treffen ergangen ist. Dabei tritt zutage, welche persönlichen Dramen sich während des Lockdowns abgespielt haben: die Teilnehmenden berichten von Todesfällen im Familienkreis, Herzinfarkten, gebrochenen Beinen oder auch den Schwierigkeiten der Kinderbetreuung und des Homeschoolings während der Zeit von Hort- und Schulschließungen.

Zwischendurch wird immer wieder aus dem und ins Arabische übersetzt, damit auch alle genau mitbekommen, worum es geht, und schon bald fällt die anfängliche leichte Scheu nach der monatelangen Live-Abstinenz von den Teilnehmenden ab. Es entspinnt sich eine angeregte Diskussion über Sinn und Unsinn einzelner Lockdownmaßnahmen und über die durch die Viruskrise entstandenen Verwerfungen. Da können etwa neugeborene Enkelkinder monatelang nicht von ihren Großvätern besucht werden, da kommen in Quarantänesituationen traumabedingte Fluchtreflexe zum Vorschein, kann in den ohnehin schon angespannten Lebensumständen vor allem der Geflüchtetenfamilien weniger Hilfestellung erfolgen. Andersherum gibt es auch einige, die die Situation eher weniger belastend empfinden, es gar genießen, mehr Zeit für sich selbst zu haben. Die Wahrnehmung krisenhafter Zeiten bleibt teilweise auch eine individuelle Angelegenheit - Corona erscheint eben gerade nicht als der große Gleichmacher, wie es oft behauptet worden ist.

Moderator Mohamed Ghneem leitet derweil zum eigentlichen Thema des Treffens über: "Wenn die Liebe hinfällt" - das Wortspiel bringt schon zum Ausdruck, dass es um Konfliktaustragung zwischen Paaren unterschiedlicher Herkunft und Mentalität und deren Familien geht. Wie gehen die Teilnehmenden damit um, welche Strategien der Bewältigung haben sie? Die Frauen und Männer, die in unterschiedlichsten Konstellationen miteinander zusammenleben, geben Beispiele, und schnell wird klar, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sein können, die Partner etwa allein durch die Benutzung oder Nichtbenutzung von Höflichkeitswendungen wie "bitte" und "danke" haben, die in unterschiedlichen Ethnien eben auch unterschiedliche Bedeutungsspielräume bekommen. Und so schält sich schon bald ein ziemlich einhelliger Konsens heraus: ohne eine "vernünftige" Kommunikation geht es nicht. Dabei spielt beileibe nicht nur, aber eben auch der gegenseitige Spracherwerb eine Rolle. Noch wichtiger aber sind vielleicht gegenseitiger Respekt und Kompromissfähigkeit, der Wille, aufeinander zuzugehen und einvernehmliche Lösungen zu finden. Nicht immer mit zwei Augen sehen, auch mal eines zumachen, befindet einer. Überhaupt wird bei allen individuellen Differenzen wieder einmal klar, wieviel mehr Gemeinsamkeiten Menschen verbinden als Unterschiede sie trennen. Das Café International also als kleines Abbild der Menschheitsfamilie? Ja sicher, auch wenn eben mitunter mal leidenschaftlich gestritten wird.

Während und nach der Kaffeepause, die auflagenbedingt bei immerhin leidlich frühlingshaftem Wetter im Freien und auf Abstand auf dem Johanniskirchhof stattfindet, kommt das Gespräch erst so richtig in Fahrt. Was geschieht, wenn die Konflikte so tiefgreifend werden, dass Trennungen im Raum stehen? Auch hierzu gibt es eigene Erfahrungen im Kreis der Teilnehmenden, nicht alle sind zum ersten und einzigen Mal verheiratet. Liebe sei wie Glas, befindet jemand. Insbesondere auf Kinder müsse in so einer Situation Rücksicht genommen werden. Ein langsames, vielleicht auch nur vorübergehendes Sich-Zurückziehen vom anderen, ohne ihn zu verletzen, könne manchmal helfen. Ob eine Beziehung gekittet werden kann oder im Hinblick auf den Nachwuchs sogar aufrecht erhalten bleiben muss, darüber gibt es gegensätzliche Ansichten. Auch für die Kinder kann bei anhaltenden Querelen eine endgültige Trennung der Eltern die bessere Lösung sein, befinden einige, unauthentische Partnerschaften färbten schließlich auch auf die Beziehungsfähigkeit der nachfolgenden Generation ab. Schließlich, gibt jemand zu bedenken, gingen Verbindungen auch an der individuellen Weiterentwicklung von Menschen entzwei. Das ganze Thema wird von den Diskutierenden kontroverser und leidenschaftlicher angegangen, als es explizit um den Nachwuchs geht. Das Verantwortungsbewusstsein ist offensichtlich groß; die Paarbeziehung könne eben nicht isoliert gesehen werden, und auch die erweiterte (Groß-)Familie werde in einigen Kreisen zu Rate gezogen. Auch Geldfragen und wirtschaftliche Abhängigkeiten werden in den Blick genommen.

Den Abschluss bildet eine kurze Runde, in welcher die Teilnehmenden noch einmal zum Ausdruck bringen, was ihnen an der Zusammenkunft am besten gefallen hat. Allen ist anzumerken, dass die Zurückgezogenheit der Coronazeit abgefärbt hat und man sich nach dem tollen Austausch der Runde gesehnt hat. Es wird als integrativ und tröstlich empfunden, offen sprechen dürfen. Die  vielfältigen Meinungen ergäben ein differenziertes Gesamtbild und würden als bereichernd empfunden.

Auf der BÜZ-Agenda stehen fünf weitere Termine des Café International, stets sonntags um 14 Uhr am 30.05., 29.08., 26.09., 07.11. und 19.12.2021. Neueinsteiger sind herzlich willkommen! 

Marcus Neuert

 

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