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2020

ME TOO

Schreibworkshops für geflüchtete Jugendliche, Männer und Frauen

Me too

Schreibworkshops für geflüchtete Jugendliche, Männer und Frauen

Unser Projekt „ME TOO“ fußt auf Erfahrungen, die wir in den Projekten  WORTE OHNE GRENZEN 2018 machten. Dieses Thema tauchte durch die aktuelle gesellschaftliche Debatte über Gewalterfahrungen regelmäßig in den Diskussionen auf, auch widergespiegelt in den der Workshop-Reihe zugrunde liegenden Texten. Wir hatten jedoch nicht ausreichend Gelegenheit, dies in die vorhergehenden Projekte zu integrieren.

Diesmal wollen wir die zeitgenössische literarische Bearbeitung durch internationale deutschsprachige Autoren  und Autorinnen in den Mittelpunkt stellen. Sie präsentieren diese ihre durchaus individuellen Sichtweisen live und diskutieren sie mit den Geflüchteten, um sie dann behutsam zur Formulierung eigener Texte anzuleiten, oft ja erstmalig in ihrem Leben. Da dies ein ernstes und stark mit Gefühlen besetztes  Thema ist, werden wir fachkundige Ratgeber hinzuziehen, die ggf. auch in der Lage sind, Teilnehmer auf emotionaler Ebene zu unterstützen.

Es ist uns wichtig, das Thema nicht nur auf die populistische Sichtweise der Massenmedien zu beschränken: Frau = Opfer, Mann = Täter, sondern der Tatsache Rechnung zu tragen, dass leider Gewalt und Missbrauch erheblich vielfältiger sind in allen erdenklichen Konstellationen. Die resultierenden Traumata spiegeln sich in der Literatur der Autorinnen und Autoren wider. Sie aufzuschreiben kann sowohl literarischen wie befreienden Wert für Menschen mit traumatisierenden Fluchterlebnissen haben.

Unsere bisherigen Schreibwerkstätten waren sehr lebendig und interaktiv durch einen Mix aus Geflüchteten und weiteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem schulischen und dem außerschulischen Bereich. s besteht das Angebot, ihre Texte bei unserem bereits feststehenden #metoo# - Poetry Slam im Dezember 2020 vorzutragen.

                  

Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen

OWL Kulturbüro 

Regionale Kulturpolitik NRW

Internationale Autorenvereinigung "Die Kogge"

Autor*innen des Lektora-Verlags

Wildwasser e.V.

Forum man-o-mann

Männerberatung e.V.

Kinderschutzbund Minden-Bad Oeynhausen e.V.

Gefährliche Trampreisen

26.02.2021 - Workshop mit KOGGE-Ehrenringträger Harald Gröhler

Die behördliche Gunst der Stunde einer aktuell eingeschränkten Wiederzulassung auch außerschulischer Bildungsangebote nutzend, hatte das Kulturzentrum BÜZ den Berliner Schriftsteller kurzfristig zum Nachholtermin am Freitag, den 26.02.2021 geladen.

Die rund ein Dutzend Workshopteilnehmer, darunter auch eine Gruppe der jugendlichen Kulturscouts Minden, durften einen menschlich wie literarisch anregenden Nachmittag verbringen. Schon bei der gegenseitigen Vorstellung der Runde ergaben sich erstaunliche biografische Koinzidenzen, denn etliche der Teilnehmer berichteten von eigenen oder Fluchterfahrungen von Eltern und Großeltern, sei es aktuell etwa aus Syrien oder rückblickend auf die Zeit zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Auch Gröhler, Jahrgang 1938, floh damals mit seiner Mutter und seinen Geschwistern in einem Lazarettzug über Prag nach Bayern (und glücklicherweise nicht, wie zuerst angedacht ins von Flüchtenden überfüllte Dresden, welches dann am 13.02.1945 von den Westalliierten so schrecklich bombardiert werden sollte).

Für den Workshop in Minden las Gröhler zunächst aus seinen Aufzeichnungen über wilde und teilweise gefährliche Trampfahrten, die er allein und mit Freunden in den 1950er Jahren unternommen hatte. Nur zwei Mark standen ihm damals pro Tag zur Verfügung, was einiges an Improvisation erforderte. Plastisch erstanden vor den Teilnehmenden die Bilder von abenteuerlichen Klettertouren in den Pyrenäen, heftigen Gewitterstürmen in einer aufgelassenen Kiesgrube in Südfrankreich, bei denen er und seine Gefährten beinahe vom Blitz erschlagen worden wären oder der brenzligen Situation auf dem Peloponnes, wo sich der zu dieser Zeit alleinreisende junge Harald Gröhler unwissentlich ein Dorf zum Übernachten ausgesucht hatte, in dem im Krieg, also nur wenige Jahre zuvor, deutsche Soldaten ein Massaker unter der Bevölkerung verübt hatten und aus welchem er nur knapp seinem Lynchmord entkam. Bis an die syrische Grenze in Kurdistan führten Gröhler seine jugendlichen Abenteuerreisen.

Nach einer kurzen zwang- und maskenlosen Kaffeepause im Freien vor der Johanneskirche wurde die Veranstaltung dann mit dem eigenen Schreiben der Workshopteilnehmer fortgesetzt. Es ging wie schon in den Zusammenkünften zuvor um Traumata und Genesungswege. Erstaunlich ist immer wieder, welch interessante Texte in nur etwa zwanzig knappen Minuten entstehen können, wenn die vorherige Anregung nur eindrucksvoll genug ist. So thematisierte eine Teilnehmerin etwa eine überwundene Krankheit ihres Sprech- und Hörapparates und bezeichnete das Miteinander-Reden als besonderen Schatz im Leben. Eine andere berichtete von Situationen der Hilflosigkeit und Verunsicherung auf einer Reise in den Tiefen Russlands. Eine junge Geflüchtete aus Syrien nutzte die Form eines Märchens, um von der Situation eines Mädchens zu erzählen, das sich nicht einmal mehr von seinen Lieben verabschieden kann, vom Ankommen in einer fremden Welt, von Sehnsucht nach Heimat. Sie schließt mit den ins Konkrete gewendeten Worten: Das Mädchen bin ich. Weitere Texte handelten, auf unterschiedlichste Art literarisiert, von verbotenen Städten, Angstträumen und Seilbahnabstürzen. Die Bandbreite war so groß wie das Erfahrungspotenzial der Teilnehmenden.

In der Schlussrunde war deutlich zu spüren, wie sehr sich die Anwesenden über das zumindest vorläufige Ende der langen kontakt- und kulturlosen Corona-Zeit freuten. Dass Kultur weitergehe sei geradezu ein Schritt zurück ins Leben. Harald Gröhler sprach angesichts der gelungenen und kommunikativen Veranstaltung gar von einer Offenbarung. Am Büchertisch mit den neuesten Werken von Gröhler klang der Nachmittag dann aus.

Es bleibt zu hoffen, dass das Fenster für kulturelle Begegnungen dieser Art nicht schon bald wieder zugeschlagen wird.

Marcus Neuert

Texte

Da die Texte teilweise etwas länger ist, haben wir sie hier ausnahmsweise als PDF verlinkt. Bitte zum lesen auf die Buttons klicken!

20.11.2020 - Workshop mit Doris Pütz

Am Freitag den 20.11.2020 fand im BÜZ Minden, wieder ein Workshop statt zum Thema ME TOO. Bei den Workshops können die Teilnehmenden ihrer Kreativität freien Lauf lassen und ihre eigenen Geschichten zu einem Vorgegeben Thema/ Geschichte schreiben. An diesem Freitag stellte sich Doris Pütz vor. Sie schrieb eine Geschichte über ihre Kindheit und hat lange selbst in einer Psychiatrie gearbeitet. Zu Beginn der Veranstaltung konnte jeder die mitgebrachten Bilder von Doris Pütz angucken.

Zu finden sind diese Figuren im Artland Park in Edinburgh- Schottland. Die Teilnehmer stehen einzelnd auf und können sich die Bilder eine Weile angucken. Auf dem Bild zu erkennen ist ein Junges Kind mit einem langen, weiten Kleid, was fast schon wie ein Nachthemd aussieht. Lange zerzauste Haare. Auf keinem Bild ist das Gesicht des Kindes zu erkennen. Jeder der Teilnehmer nimmt die Bilder anders war und jeder fängt sofort an zu schreiben, zu so vielen Bilder wie man möchte. Zu einem, zwei, drei oder auch zu allen. Eine Reihenfolge gibt es nicht. Die Bilder sind Nummeriert, sodass jeder seine eigene Reihenfolge festlegen kann.
Nach 30 Minuten schreiben könnten die Wahrnehmung der Bilder und die Schreibweisen der Teilnehmer nicht unterschiedlicher sein. Eins ist jedoch beim Zuhören der Geschichte deutlich geworden. Es ist keine fröhliche Geschichte die das kleine Kind erlebt hat. Geschichten übers verletzt oder alleingelassen werden. In jeder Geschichte wird deutlich, dass das Kind Einsam ist.

Die Autorin selbst schreib in ihrer Geschichte von einem ungewollten Kind, dass denkt hässlich zu sein und in ihrem Leben keine Liebe erfährt. Daraufhin möchte das heranwachsende Kind nicht mehr Leben und kommt in eine Psychiatrie. Dem Anschein nach geheilt ihrer psychischen Folter in der Kindheit, heiratet die mittlerweile junge Frau und bekommt selbst Kinder. Doch die Ehe scheitert und die Einsamkeit kehrt zurück, mit dem Verlassen des Elternhauses der Kinder. Am Ende der Geschichte akzipiert die Frau das Kind in sich, was über Jahre hinweg einsam war und schließt innerlich Frieden.

Ein toller Nachmittag im BÜZ begleitet von viel Respekt zum Mut der Autorin Doris Pütz, deren Geschichte zum Teil autobiografisch ist.

Inga Peußner

Licht und Schatten von Doris Pütz

In meinem doch schon recht langen Leben gab es immer wieder einmal brenzlige, gefährliche Situationen. Sie bleiben mir in Erinnerung, aber mein Leben danach verlief weiter wie bisher. Prägend, voranbringend, verändernd, das geschah eher durch Begegnungen mit Menschen, im Studium, im Beruf, in der Familie. Ich begegnete Menschen, die mir Vorbild waren, andere die mich begleiteten, auch in schwierigen Situationen, aber auch die vielen auf dem ersten Blick erscheinenden unbedeutenden Gespräche und Kontakte prägten mich.

Es gab jedoch auch besondere Einschnitte in meinem Leben, die mich nachhaltig betroffen machten. Dazu fällt mir die Zeit um mein 60. Lebensjahr ein. Durch eine Erkrankung verlor ich einen Teilbereich meines Gehörs und bin trotz Hörhilfen oftmals in Gesprächen sehr eingeschränkt.

Zeitgleich bekam ich Probleme zu sprechen. Dies führte in den folgenden Jahren zum kompletten Stimmverlust. Ich war isoliert, konnte bei Kontakten nur zuhören, soweit mir dies möglich war. Oft kam ich mir vor wie ein Körper mit gefesselter Seele, wenn ich mit anderen zusammen saß. Einfachste Alltagsgewohnheiten waren mir nicht mehr möglich, wie beim Bäcker ein Brot zu  bestellen.

Ich war verzweifelt, tief traurig.

Aber ich hatte Glück. Nach vielen Klinikaufenthalten fand man endlich den Grund und nach einer Operation kann ich, wenn auch nur noch ein Stimmband arbeitet, wieder reden, nicht laut, nicht sehr lange ,aber ich kann mich wieder äußern.

Das alles liegt nun zwei Jahre zurück, aber noch immer empfinde ich die Möglichkeit sprechen zu können und damit Kontakte pflegen zu können als etwas ganz Besonders, als einen großen Schatz in meinem Leben.

Tiefe Einschnitte in meinem Leben sorgten dafür, dass das, was mir so selbstverständlich erschien, von mir anders wertgeschätzt und wahrgenommen wurde. Ich lernte das Leben mit all seinen Facetten dankbar anzunehmen und zu  lieben.

Es ist natürlich schön sein Leben im Sonnenschein zu verbringen, aber nach der Dunkelheit der Nacht weiß man die Helligkeit erst wirklich zu schätzen.

12.09.2020 - Workshop mit Daniela Sepheri: Der falsche Ring

Daniela Sepehri ist Studentin, Redakteurin, Historikerin, Poetin und Slamerin. Sie hat 2016 die U20-NRW - Meisterschaften im Poetry Slam gewonnen und bereist viele deutsche Poetry-Slam-Bühnen. Im letzten Jahr hat sie ein Praktikum in der Deutschen Botschaft in Indien gemacht.

Sie berichtete zunächst über ihre konkreten Erfahrungen aus Indien. Daniela Sepehri wurde dort täglich mit der patriarchalischen indischen Gesellschaft und den traditionellen Rollenbildern von Mann und Frau in Indien konfrontiert. Sie erlebte vielfältige Formen von „Anmache“ und versuchten Flirtsituationen oder auch Formen von Alltagsrassismus. Augenkontakt, Offenheit oder legere Kleidung gelten als Form von Willigkeit. Werden Frauen vergewaltigt, so identifiziert sich die Rechtsprechung tendenziell eher mit den Tätern statt mit den Opfern. Die #ME TOO – Bewegung schafft es auch in Indien, in verkrustete Strukturen einzubrechen, anzuklagen und den Blick auf die Opfer zu lenken. Allerdings ist auch dort ein weites Feld noch zu bearbeiten.

Daniela Sepehri konnte sich dem Sexismus und Rassismus dadurch entziehen, dass sie sich geschlossener kleidete und sich einen „falschen“ Ehering zulegte. Dadurch wollte sie nach außen dokumentierten, dass sie in einer festen Beziehung war. Diese Formen von Sexismus, Missbrauch, Rassismus oder Gewaltanwendung finden sich natürlich auch in Deutschland.

Der Schreibworkshop war gut besucht, Jung und Alt, Bio-Deutsche, Syrer oder Tunesier waren sehr motiviert und sehr offen, über ihre Alltagserfahrungen mit Übergriffen, sei es rohe Gewalt oder sexuelle Übergriffe, zu berichten. Es entstand ein intensiver Diskurs, zu dem Daniela Sepehri entscheidend beitrug.

In der Teilnehmerrunde wurde deutlich, dass sexuelle Übergriffe und Grenzverletzungen auch umgekehrt stattfinden. Ein Teilnehmer berichtete von einer leicht bekleideten Ärztin, die ihm über einen längeren Zeitraum viel zu nahegekommen war.

Daniela stellte den Teilnehmer*innen die Aufgabe bestand, einen Brief an die Person zu schreiben, die für die Grenzüberschreitung und Verletzlichkeit verantwortlich war. Der Vortrag war freiwillig, dennoch war die Bereitschaft zu lesen groß.

Eine Teilnehmerin erzählte über Ausgrenzung und Stigmatisierung, da sie sich im mittleren Alter entschieden hatte, allein zu leben. Oder von lästigen bzw. verletzenden Fragen, warum ihre Tochter nicht verheiratet sei. Dadurch wurde ein schlechtes Gewissen erzeugt, und es entstand das Gefühl von Minderwertigkeit.

Ein weiterer Teilnehmer las aus seinem Buch vor über seinen erlebten traumatisierenden sexuellen Missbrauch durch seine Tante, als er noch Kind war.

Oder: Eine frühere Arzthelferin wurde in der Arztpraxis von einem älteren Patienten sittenwidrig angefasst. Dieser wollte sogar auf sie nach ihrem Dienstschluss warten. Sie hat sich selbstbewusst gewehrt und die Situation ihrem Chef mitgeteilt.

Dieses sind Beispiele für gelungenen Widerstand, um Täter anzuklagen. Deutlich wurde aber in all diesen Erfahrungen die Betroffenheit und Traumatisierung der Berichtenden.

Volker Papke-Oldenburg

 

Texte

Sehr geehrter Scheißkerl

Sogar Ihren Namen habe ich vergessen und das ist auch gut so! Als mir meine Freundin im Rahmen der Me Too Debatte gestand, dass auch sie sexistischen Übergriffen ausgesetzt war, entgegnete ich ihr, ich hätte solche Erfahrungen Gott sei Dank nicht. Aber so war es nicht! Als ein
anderes Missbrauchsopfer berichtete, habe ich mich erinnert. Ich war sehr jung. Sie waren unser Patient. Die Untersuchung gebot es, uns körperlich sehr anzunähern. Da gaben Sie mir einen Kuss und wollten sich mit mir nach Dienstschluss verabreden. Ich war so verwirrt. In der Praxis war mir bisher niemand zu nahe getreten. Mein erster Impuls war, Sie rauszuschmeißen. Würden meine Chefs mir einen Rausschmiss erlauben? Ich war unsicher! Sie waren ja Patient. Mussten Sie da nicht weiter untersucht werden? Hätten Sie sich das in einer anderen Situation, z. B. auf einem Fest erlaubt, ich hätte Ihnen ohne zögern eine gescheuert. Ich wies Sie aber nur nachdrücklich mit Worten in die Schranken. Nach Ende der Untersuchung, erneuerten Sie Ihren Wunsch, mich nach Dienstschluss zu treffen. Ich ließ mich abholen, um eine erneute Konfrontation abzuwenden.

Was ich mich nur frage ist: bei wie vielen Frauen oder Mädchen hatten sie vorher Erfolg mit Ihrer Übergriffigkeit? Wieviele trauten sich nicht, sich gegen einen über 70jährigen, hässlichen Mann zu wehren? Hatte Sie dieser Umstand zu Ihrer Unverfrorenheit mir gegenüber veranlasst? Sie konnten mir nichts anhaben. Ich hatte Sie bald vergessen. Sie müssen irgendwann verstorben sein.

Dieser Platz…
für die Grüße bleibt frei. Sie sind aus 2 Gründen sowieso nicht geboten:

1. Sie verdienen keine Grüße,
2. Sie sind tot

Ich räche mich jetzt nachträglich noch einmal, indem ich Sie wieder vergesse!

Gitte Michusch

Brief zum Schreib-Workshop: Der Falsche Ring mit Daniela Sepehri

Unserer Aufgabe bestand darin einen Brief an jemanden zu verfassen, der uns aufgrund unserer Rolle als Frau/Mann, in unserer beruflichen Rolle oder bezugnehmend auf unsere Nationalität verletzte, sei es körperlich oder verbal.

Vorwort:

Geboren in einer Zeit nach dem 2. Weltkrieg wurden in meiner Kindheit und Jugend einige grundlegende Bausteine meiner Rolle als Frau gelegt.

Dazu folgende Grundannahmen:

Bis 1977 war es Frauen nur erlaubt mit Zustimmung ihres Gatten eine Arbeit aufzunehmen und zwar solche, die mit ihren „Pflichten in Ehe und Familie vereinbar war“. Ausschließlich die Frau war für Haushalt und Kindererziehung zuständig und dem Mann untertan.

Das Wort Fräulein für unverheiratete Frauen wurde bis weit in die achtziger Jahre im amtlichen und privaten Bereich ausschließlich benutzt, selbst bei Frauen im hohen Alter.

Bis zum Alter von 14/15 Jahren durften wir in der Schule keine Hosen tragen.

Und:

Erwachsenen, insbesondere Eltern ist kritiklos zu gehorchen. Nur sie wissen wie das Leben spielt. Die kirchliche Bindung unterstützte diese Erziehung massiv.

Das alles hat dazu geführt, dass dieses Rollenverständnis der Frau als Ehefrau und Mutter sich tief emotional in mir verfestigte, natürlich nicht kognitiv und schon gar nicht in meiner Lebensform.

So entstand folgender Brief:

Liebe Caroline,

nach unserem letzten Treffen war ich sehr traurig und ich fürchte unsere Beziehung wird dadurch belastet. Das täte mir sehr leid. Darum möchte ich jetzt mit dir darüber in Kontakt kommen und will dir schreiben.

Du fragtest mich, ob meine Tochter Theresa nun endlich einen Freund hat. Ich hatte das Gefühl, dass Theresa „minderwertig“ ist, weil sie alleine lebt. Ich glaube, dass sie ein erfülltes Leben führt, aber dass nach wie vor nicht alle in unserer Gesellschaft diese Lebensform akzeptieren.

Dass es Theresa betraf, ist ja das eine, was mich aber auch traurig stimmte: Ich habe oft selber erlebt als alleinerziehende Mutter, als allein lebende Frau „minderwertig“ zu sein und wurde auch offen darauf angesprochen.

Früher galten strenge Rollenregeln. Eine Frau braucht einen Mann um einen Wert zu besitzen, heute ist das zum Glück anders und viele verschiedene Lebensformen werden akzeptiert.

Mir fällt es dennoch schwer mich in solchen Situationen klar zu äußern: Ich lebe gerne alleine und genieße mein Leben in der Freiheit, tun zu können was mir gerade in den Sinn kommt ohne Rücksicht auf einen Partner. Ich kann gut alleine sein, ich bin gerne mit anderen Menschen zusammen und suche deren Nähe. Und ich bin mit dieser meiner Lebensform sehr zufrieden.

Ich hoffe, dass es Theresa genauso ergeht.

Liebe Caroline, ich hoffe du verstehst meine Gefühle und ich wünsche mir sehr, dass wir uns nach diesem Brief wieder einmal in einem Café treffen und uns unbeschwert über gemeinsame frühere Erfahrungen austauschen können.

Sei ganz herzlich gegrüßt
Deine Doris

19.06.2020 - Workshop mit Charlotte Ueckert: Flucht-Erfahrungen

Gewöhnlich finden die von Peter Küstermann für das BÜZ ins Leben gerufenen Workshop-Reihen, in welchen es auch um das Schreiben geht, im kleinen Konferenzraum über dem BÜZ-Büro am Mindener "Seidenbeutel" statt. Was aber ist schon gewöhnlich in Zeiten von Corona? Und so haben sich die Kultur-Macher des BÜZ einiges einfallen lassen müssen, um trotz geltender Mindestabstands- und Hygienevorschriften ihre Mitmach-Veranstaltungen nach längerer pandemiebedingter Pause seit Mitte Mai wieder anbieten zu können.

Schauplatz ist der zentrale Ort der BÜZ-Aktivitäten, die Johanneskirche. Am Rand des Saales sind in gebührendem Abstand kleine Tische für die einzelnen Teilnehmenden aufgestellt, für die Übertragung gibt es Mikrofone in Plastiktütchen, Bodenmarkierungen weisen die Einbahnstraße zu und von den Toiletten und erinnern alle an die Gegenwärtigkeit von - nun ja - Gefahr? Gesellschaftlicher Verantwortung? Oder staatlich verordneter (gar übertriebener) Vorsicht?

Vielleicht von allem ein wenig, und so ist die Grundatmosphäre der etwa zwanzig Versammelten freudig gespannt, als Charlotte Ueckert, KOGGE-Gastautorin aus Hamburg, den Workshop mit einer kurzen Vorstellung ihres Werks eröffnet: außer Romanen ("Die sind mir einfach zu lang, man muss ja irgendwann auch mal fertig werden mit einem Text", erklärt sie augenzwinkernd) ist sie in fast allen literarischen Genres zu Hause, schreibt u.a. Gedichte, Erzählungen, Biografien (so etwa "Ich fürchte mich nicht" über Christina von Schweden) und Reisebücher (ganz neu erschienen ist "Das Meer und der Norden - Streifzüge von Küste zu Küste").

Für Charlotte Ueckert hängen die Bereiche Schreiben - Erinnern - Erzählen - Gestalten eng miteinander zusammen. Die Texte der auch als Schreibwerkstättenleiterin erfahrenen Autorin eignen sich somit schon von der Konzeption her gut für das zugrundeliegende Thema der BÜZ-"Me-Too"-Reihe, in der es um die Verarbeitung traumatisierender persönlicher Erlebnisse geht. Wer darüber sprechen kann, wer Erinnerungen in eine erzählende oder gar literarisierte Form bringen kann, der schafft auch für sich selbst Ansätze zur Bewältigung.

Ückert beginnt ihre kurze Lesung mit einem Gedicht aus ihrem Band "Ein Leben auf der Chaussee", in welchem ein "gewachsenes Kind" über seine psychischen Bedrückungen am anderen Ende der Welt sinniert. Der zweite Text ist ein Märchen vom "Klappholt", einem unsichtbaren und unsterblichen Wesen, welches sich in das kleine Mädchen Jojo verliebt und sich seine Gedanken über die Zeit macht. Zum Abschluss liest Ückert aus "Fremd wohnen" über selbstbestimmtes Altwerden in einem Wohnprojekt alleinlebender Frauen - angesiedelt in einem Haus, aus dem in den 1930er Jahren etliche Menschen fliehen mussten und geht auch auf die Situation emigrierender Schreibender in den Zeiten des Nationalsozialismus ein. All diese Texte werden jeweils von Mohammed und Ridha für einige noch nicht so gut des Deutschen mächtigen teilnehmende Geflüchtete auf Arabisch kurz zusammengefasst übersetzt.

Da eine neu angekommene Familie eine Zeitlang in Italien gelebt hat und die Mutter als Literaturwissenschaftlerin aus Marokko auch gut französisch spricht, geht es mitunter zur besseren Verständigung auch schon mal insgesamt viersprachig zu.

Es schließt sich eine Vorstellungsrunde der Teilnehmenden an, die deren ganz unterschiedliche Erfahrungen und Schreibansätze offenbart. Die Schreibaufgabe, die Charlotte Ueckert stellt, resultiert schließlich aus der Erkenntnis "Stoffe liegen überall herum" und illustriert dies anhand einer kuriosen Todesanzeige aus einer Hamburger Tageszeitung, die Anlass zu allerlei Spekulationen gibt: es soll um "einen Neuanfang" gehen. Die Ergebnisse sind so vielfältig wie stets: Gedichte, Sinnsprüche, kleine Erzählungen, Berichte in Ich-Form. Ueckert kommentiert und gibt Tipps, und es ergibt sich u.a. ein angeregtes Gespräch über die aktuelle Bedeutung von Gedichten im arabischen bzw. deutschen Sprachraum und deren Formenvielfalt und Wirkweisen. So ist es doch immer wieder erstaunlich zu sehen, wie eine bunt zusammengewürfelte Schar Menschen, die einander sonst vielleicht kaum wahrgenommen hätte, über das Thema Literatur zusammenfindet.

Zum Abschluss liest Charlotte Ueckert noch eines ihrer Gedichte, in welchem sich Anspielungen auf Märchen und Mythen finden, die nicht unbedingt sofort jedem ins Auge fallen mögen - aber gerade für die Lyrik gilt ja durchaus auch die von der Autorin hintergründig ins Feld geführte Weisheit: "'N bisschen Dunkel schad't doch nix". (Marcus Neuert, 23.06.2020)

 

EIN SEHR KURZES MÄRCHEN VON DER GROßEN UNIVERSELLEN LIEBE

Es waren einst viele Wesen aus einer vergessenen Zeit. Da die Menschen nicht mehr an sie glaubten, wurden sie immer durchsichtiger. Sie zogen sich auf eine Insel weit draußen im Meer zurück. In ihrer neuen Heimat wissen die Menschen noch mit ihnen zu leben. Dort, wo die Sommer kurz und hell sind - dort, wo die Winter lang und dunkel sind - dort, wo das heiße Wasser und die Glut die Erde wärmt, kannst Du sie suchen. Nimm Deine dicke Jacke mit, wenn Du das Schiff besteigst.

Manchmal kommen einige von ihnen für kurze Zeit zurück - aus Heimweh vielleicht? In meinem Garten gibt es einen Ort, wo der wilde Mohn mit den blauen Glockenblumen einen geheimen Wettschreit ausführt, wer die dicksten Hummeln zu Gast haben kann. Da streifte ein leichter Hauch an mir vorbei und ich sah dieses kleine zarte Wesen unter dem Apfelbaum.

Nur auf Zehenspitzen berührte sie ab und an unsere Erde. Wo sie schwebte, zog sich eine feine silberne Spur, die sich langsam auflöste. Ihr süßer Duft nach Maiglöckchen hielt sich noch länger in der Luft.

Sie trägt einen gläsernen Stab. Lass es zu, wenn sie damit Dein Herz berühren will. Fürchte Dich nicht vor den grellen Funken! Diese verletzen Dich nicht.

Wie durch Zauberhand siehst Du danach anders in die Welt: das Dunkle trennt sich von dem Hellen, das Graue vom Bunten, das Unwesentliche vom Wichtigen. Und solange Du die Erkenntnis bewahrst, wohnt in Dir ein wenig Sternenstaubglück.

Gitte Michusch

 

Mein neuer Anfang in Dänemark

Schon seit Tagen denke ich darüber nach.
Ich habe auch schon mit meinen Eltern darüber geredet.
Ist es nicht verrückt?
Ich bin doch Frankreichverrückt und kann auch die Sprache.
Wieso bin ich dann so auf Dänemark fixiert?
Vielleicht, da ich die Sprache mochte, das Land, aber kein Wort verstand.
Ich mag die Königshäuser dieser Welt und war letztes Jahr in Kopenhagen.
Der Hauptstadt Dänemarks.
Aber könnte ich das wirklich wagen?
Mein Heimatland, Deutschland, verlassen und dort ohne Freunde und Familie einen
Neuanfang wagen?
Zu leben?
Und womit würde ich mein Geld verdienen?
Es ist absurd.
So lächerlich.
Nun ja, ich würde dort Englisch sprechen und vielleicht auch ein wenig Dänisch
lernen, so, wie Mary, die Kronprinzessin, Frederiks Ehefrau.
Aber würde ich nicht auch meine Eltern vermissen?
Ich meine, immerhin wären sie nicht so schnell da, wenn ich sie bräuchte.
Aber dann denke ich an meinen Onkel in München, der mit 18 Jahren ausgezogen
und dort hingegangen ist.
Ich will eine Veränderung.
Ich will etwas Neues.
Vielleicht sollte ich dies ja wagen.
Diesen Neuanfang.
Aber gleich Dänemark?
Nicht lieber Frankreich oder England?
Natürlich habe ich auch da schon darüber nachgedacht.
Als Auslandsjahr.
Aber nie wirklich, um dort zu leben.
Also was ist dann mit Dänemark?
Mit 16 Jahren war ich auf Guadeloupe, einer Karibikinsel, auf der Französisch
gesprochen wird.
Ich liebte diese Insel, aber was danach kam nicht.
Ich sollte mich wirklich trauen.
Diesen Neuanfang wagen.
Und wenn es erst einmal eine neue Stadt und nicht gleich ein neues Land ist.
Obwohl ich dieses Land echt mag.
Genauso, wie England und Frankreich.
Aber man kann nie wissen, was die Zukunft bringt, nicht wahr?
Ich meine, wenn ich in die Zukunft sehen könnte, dann wäre dies nicht nur cool,
sondern auch seltsam.
Aber ich bin keine Wahrsagerin.
Keine Frau, welche sich damit auskennt.

Janina Diestel

 

Koggebrief

Dieser Bericht steht auch im Koggebrief 2-2020. 

Workshop am Freitag, 22.05.2020, 14:30 – 16:30 Uhr, im BÜZ Minden mit Kisha Friesen

In den schwierigen Zeiten von Corona konnte unter strikter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln im BÜZ Minden eine Live-Veranstaltung stattfinden. Dafür waren die Räumlichkeiten im BÜZ den Abstandsregeln komplett angepasst worden, Desinfektionsmittel und Schutzmasken standen zur Verfügung.

Die Poetin und Slamerin Kisha Friesen, Siegerin des BÜZ-Slams im Dezember 2019, bei dem sie mit tiefgehenden und persönlichen Texten, den Slam-Pokal gewann, leitete an diesem Freitag einen Schreib-Workshop im Rahmen der #ME TOO#-Reihe. Titel der Veranstaltung war EFFEKTIVER ALS STACHELDRAHT – Was tun, wenn der Körper heftig auf die seelischen Belastungen reagiert?

Im Anklang an die zurückliegende Veranstaltung vom 15.05.2020 bot es sich an, einen Brief einer älteren Autorin vorzulesen, welcher sich mit den ureigenen Erfahrungen und existenziellen Ängsten in der Corona-Zeit beschäftigte. Aus Angst vor einer möglichen Infektion wollte diese Dame nicht persönlich vor Ort sein.

Im Plenum wurde darüber resümiert, dass dieser Brief ein gelungener Einstieg in die aktuelle Veranstaltung gewesen sei, wurden hier doch Wendepunkte im Leben literarisch verarbeitet.

Um diese Wendepunkte im Leben bei der Verarbeitung persönlicher Krisen und Konfrontation mit Krankheit ging es auch Kisha Friesen in ihrer neuen literarischen Bearbeitung und Verarbeitung von Krisen in Corona-Zeiten.

Die gelungene Genesungsgeschichte, die Kisha Friesen beim Poetry-Slam 2019 vorgetragen hatte, verwandelte sich mit den persönlichen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit in der Corona-Zeit in eine erneute Krankheitsgeschichte. Mit bewegenden und klangvollen Worten trug Kisha ihre Poesie vor.

In der sich anschließenden Diskussion kristallisierte sich heraus, dass Kisha Friesen viel Kraft für ihr Leben aus dem Glauben herauszieht. Aus dem Podium kam der Hinweis auf das Alte Testament und das Buch Hiob. Hiob, der ein rechtschaffender Mensch war, bei dem das Streben nach Gerechtigkeit hohe Priorität hatte, wurde immer wieder von Krankheiten, dem Verlust seines Eigentums und weiteren „Plagen“ heimgesucht. Dennoch blieb Hiob fest im Glauben. Kisha Friesen kannte diese Erzählungen im Hiob-Buch sehr detailliert und bezog ihr eigenes Leben mit Genesung und Krankheit auch auf ihren festen Glauben.

Die anwesenden muslimischen Workshop-Teilnehmer wussten auch über ihre Erfahrungen mit dem Koran zu berichten, da sich hier auch vergleichbare Erzählungen finden.

Kisha Friesen stellte nun eine Schreibaufgabe für die Anwesenden: Wie habe ich mich in einer schwierigen Situation entschieden? Warum habe ich diese Wahl getroffen?

Natürlich spielte bei vielen Teilnehmer*innen die Corona-Pandemie in die Überlegungen und Gedankengänge ein. Es wurden diverse Verarbeitungsformen gewählt wie Tagebuchaufzeichnung, Briefstil oder Gedichtform mit Reim. Welche Veränderungen ergaben sich? Welche Gefühle? Welche Blockaden? Leere im Kopf und Ausgelaugt sein waren Thema, der Wunsch nach Nähe, dem Treffen mit Freunden, jeder Weg als Versuch nach einem neuen Anfang, als einem neuen Geburtstag.

Texte

Hackordnung damals und heute
Wie war das damals in meiner Klasse? Es gab ein Mädchen von einem Bauernhof, dass bis zur 3. Klasse Liebestöter trug. Liebestöter waren dicke, meist weiße oder in Pastelltönen gehaltene Unterhosen deren Beine die Unterschenkel bedeckten. Daher blitzen sie bei schnellen Bewegungen unter dem Rock hervor. Sie waren damals schon nicht mehr en vogue und daher Anlass unseres Spotts. Habe ich da mitgemacht? Zumindest habe ich mitgelacht. Woran ich mich noch erinnere ist der geistig behinderte Junge. Er wurde von den anderen Jungen ständig gehänselt und fand deshalb auch keinen Anschluss. Da nutzte es auch nichts, dass die Mädchen ihn manchmal verteidigten. Von den Erwachsenen, Lehrern wie auch unseren Eltern, kam keine Unterstützung. Es gab kein klärendes Gespräch nur peinliches Schweigen. So war das damals in den 60iger Jahren. Adolf lässt grüßen! Später Im Erwachsenenalter hat dieser wirklich nette Mensch Selbstmord begangen. Tendenziell war es bei den Mädchen so, dass die intelligenteren eher oben in der Hackordnung standen. Die weniger schlauen wurden zwar nicht gemoppt, aber doch weniger beachtet. Nur von den Lehrern kamen manchmal bissige Bemerkungen, die denen nicht halfen, die doch Selbstvertrauen nötig hatten. Heute können Kinder sich an Lehrer oder Schulsozialarbeitern wenden. Sie haben sicher bessere Möglichkeiten um sich zu wehren. Allerdings stellen jetzt soziale Medien in dieser Hinsicht neue und schlimmere Gefahren dar. Eine große Rolle spielen auch Markenklamotten. Hier wäre es angebracht, ernsthaft über Schulkleidung nachzudenken. Die Akzeptanz von Behinderten ist deutlich gestiegen. Obwohl logistisch noch viel geschehen muss, damit sie in der Mitte der Gesellschaft ankommen und eine echte Teilhabe stattfindet.

Gitte Michusch

 

Eine Pause für mich

Meine Vergangenheit.
Meine Zukunft.
An was will ich denken?Es fällt mir schwer, etwas zu schreiben, obwohl in meinem Kopf im Moment doch
nur Leere ist.
Ich habe bereits alles gesagt, was ich heute sagen will.
Alles geschrieben, was ich heute hier schreiben will.
Es ist keine Schreibblockade.
Ich fühle mich einfach nur ausgelaugt.
Ich brauche mal eine Pause.
Eine Pause für mich.
In der ich mal an mich selbst denken kann.
Und nicht immer nur an andere.
So, wie ich es immer tue.
In Gedanken, Worten, Erinnerungen und Taten.
So, wie jetzt.
Hier.

Janina Diestel

Zum Lächeln und Entspannen

Ich brauche eine Pause.
Eine Zeit zum Entspannen.
So, wie du.
Wir lächeln und an.
Da wir das Gleiche brauchen.
In einer Zeit.
Wie dieser hier.

Janina Diestel

Gedanken auf Papier

Leere im Kopf.
Keine Schreibblockade.
Gedanken fallen auf Papier.
Pause genügt.
Zum Lächeln für die Zukunft.
Und der Vergangenheit.
In einer Zeit, welche ich brauche.
Wir.

Janina Diestel

10.05.2020 - Workshop mit Mohammed Oumari: Briefe in Zeiten von CORONA

Brief an mein Enkelkind

Lieb Lene,

nun bist du bereits 7 Monate auf dieser Welt und ich -stelle dir vor- 70 Jahre. Viel hat sich in diesem meinen Leben ereignet und momentan stehen wir erneut vor einem tiefgreifenden Ereignis, dass vielleicht unsere Welt verändert, in welche Richtung-wir wissen es nicht.
Es herrscht eine Pandemie, eine Viruserkrankung, kurz Corona genannt, die die ganze Welt betrifft.

Viele Menschen erkranken, teilweise sehr stark, teilweise tödlich.
Um die Pandemie einzugrenzen mussten die Leute zu Hause bleiben. Schulen wurden geschlossen, viele Menschen durften nicht mehr zur Arbeit, Geschäfte waren zu….

Jetzt nachdem die Zahlen der Neuinfektionen sich besserten, beginnt langsam wieder ein normaleres Leben mit starken Schutzvorrichtungen, Masken tragen bei allen Aktionen außer Haus, Kontaktbeschränkungen, aber immerhin ein wenig Normalität tritt ein.

Lene, deine Urgroßeltern erlebten den Zweiten Weltkrieg. Oft hörte ich sie sagen: Vor dem Krieg haben wir-nach dem Krieg haben wir.
1989 fiel die innerdeutsche Mauer, die Ost-und Westdeutschland trennten. Viele Ostdeutsche hörte ich dann sagen: Vor der Mauer sind wir noch-nach der Mauer haben wir…

Und jetzt in Corona Zeiten höre ich immer wieder: Vor Corona und hoffentlich eines Tages den Satz nach Corona.

Am schwierigsten in dieser Zeit ist für mich, auf soziale Kontakte zu verzichten. Anfangs ertrug ich das ganz gut, aber irgendwann reichen Mails und Chats nicht mehr. Dein Onkel kaufte für mich ein und ich lebte in meinem Haus und meinem Garten geschützt, ja, aber isoliert. Nur der Mensch kann nicht allein vom Brot leben. Es fehlte mir der tägliche Umgang mit meinen Mitmenschen so stark, dass ich manchmal dachte, lieber erkranken als noch länger so isoliert sein, was natürlich ein dummer Gedanke ist. Auch litt ich darunter dich nicht sehen zu dürfen, deine Entwicklung nicht spüren zu dürfen.

Zum Glück haben wir jetzt erste Möglichkeiten uns wieder zu nähern.
Schwierig zu ertragen ist auch das Gefühl nicht zu wissen, wann diese Situation vorbei ist. Diese Gefühl des Nichtabsehens können ist belastend. Aber alles im Leben hat ein Ende und auch diese Zeit. Und das ist gut so.

Denn trotz aller Einschränkungen, es ist gut, dass es das Dunkle in unserem Leben gibt. Stell dir vor, wir hätten immerzu Frühjahr, ewig Weihnachten und letztendlich ein ewiges Leben. So schwer manches zu ertragen ist, so gut ist es für unser Lebensgefühl, dass es nicht ein einerlei des Hochs gibt, sondern die Tiefen des Lebens durchschritten werden müssen, um die Hochs zu spüren zu können. So ist der Mensch nun einmal aufgebaut. Jetzt in der Corona Krise spüre ich viel stärker als sonst wie gut mir Kontakte tun und wie wichtig mir die Nähe meiner Mitmenschen ist.

Liebe Lene, ich weiß nicht, was das Leben dir bringt. Ich weiß aber, dass auch du schwere Zeiten erleben wirst, dunklere Stunden als man sich wünscht. Vertraue darauf, sie werden dich stärken und sie helfen uns unser Menschsein in positiver Weise zu leben. Und denke immer daran:

Es gibt eine Zeit vor Corona
und auch eine Zeit nach Corona.

Liebe Lene, ich freue mich, dass du mein kleines Enkelkind bist und ich habe dich aus der Ferne sehr lieb:

Deine Oma

Lieber Peter,

ich hoffe, Du kommst gut zurecht mit der neuen Situation! Bei uns gibt es noch einige Schwierigkeiten. Haben wir uns vielleicht angesteckt, bei unserem ersten Einkauf in Zeiten von Corona? Dabei wollten wir uns umsichtig verhalten und das ging so: wir sind alt. Wir sind die Risikogruppe.

Lagebesprechung: wann gehen wir Einkaufen? Ich mache den Vorschlag, um 7 Uhr aufzustehen - 2 Tassen Tee - Frühstück später. Der Plan ist,
vor allen anderen im leeren Supermarkt zu sein und somit die Gefahr umgehen, auf viele Menschen zu treffen.

Am nächsten Tag klingelt der Wecker. Winnetou braucht etwas Zeit, um seine Fassung wiederzugewinnen. Katzen sind Gewohnheitstiere.

Wir fahren auf den Parkplatz des Supermarktes. Scheiße - zu viele Menschen hatten wohl die gleiche Idee. Egal, jetzt müssen wir da durch! Man/frau geht sich aus dem Weg - läuft doch! Immer vorsichtig hinter den Regalen gelugt, ob die Luft rein ist, um schon recht selbstsicher festzustellen: klappt doch ganz gut! Jetzt noch schnell Richtung Klopapier, dann sind wir durch. Da kommt die Angestellte um die Ecke. Sie hat diesen Tunnelblick und rempelt mich an. Zu allem Überfluss
sagt sie auch noch: oooh, Entschuldigung!

Bleib gesund
Gitte


Liebe Colleen,wie geht es dir? Mir geht es gut.

Zurzeit hält die Welt den Atem an, was den Virus angeht. Ich habe Angst davor. Zumindest hatte ich das am Anfang. Nun hat sich die Angst ein wenig gelegt.

Ich finde es schön, dass nun die Einkaufszentren und Cafés sowie die Restaurants wieder geöffnet haben. Bevor alles geschlossen wurde, dachte ich, dass alles normal wäre. Einige haben sogar Partys gefeiert. Obwohl dies verboten ist. Die Polizei macht Kontrollen.
Mehr als zwei Personen dürfen nichts zusammen machen. Außer, es gehören mehrere Personen zu einer Familie. Aber ich sehe nie welche.

Es ist eine Qual, meine Freunde nicht zu sehen, oder rauszugehen und etwas zu erleben. Aber langsam erholt sich das Leben wieder. Es wird wieder normal. So, wie in die Zeit davor. Ich gehe sogar wieder einkaufen. Dies ist doch toll, nicht wahr? Ein Höhepunkt.

Ich hoffe, dass das alles bald vorbei ist und es wieder in geregelten Bahnen verläuft.

Ich hoffe, es geht dir gut. Schreib mir ganz bald. Ich vermisse dich.

Liebe Grüße, deine Janina

10.03.2020 - Björn Süffke

10.01.2020 - Hunger nach mehr. Mit Kara Ehlert

Die Magersucht für mich

Wie fühle ich mich, wenn ich über Magersucht nachdenke?
Fühle ich mich wertlos?
Nicht zufrieden mit mir selbst?
Bin ich zu dick?
Zu dünn?
Wie viel Schmerz kann ich erleiden?
Wie viel Druck auf mir selbst zu lasten?
Bin ich einsam?
Akzeptiere ich mich so, wie ich bin?
Zähle ich die Kalorien auf der Wage und lächle, sobald mein Gewicht fällt?
Ist Liebe stärker als der Hass gegen mich selbst?
Ich bin wertlos.
So fühle ich mich jetzt.
Habe ich manchmal Angst vor der Zukunft?
Ich will nicht sterben.
Nicht in einem Grab mit geschlossenen Augen liegen.
Die Hände ineinander gefaltet, den Atem angehalten.
Bereue ich etwas?
Auf diese Frage weiß ich im Moment noch keine Antwort.
Was ist so schlimm daran, vor dem Spiegel in Unterwäsche zu sitzen und zu weinen?
Ich will nicht aufgeben.
Ich will nicht sterben.
Ich will überleben.
Diese Krankheit in meinem Kopf besiegen.
Wieder gesund werden.
Dies ist mein Wunsch.
Aber nicht alles geht in Erfüllung.
Und alles ist verloren.
Selbst mein Leben.

(C) Janina Diestel


Awekening – Dianas Weg aus der Magersucht oder Dianas Kampf gegen die Magersucht

Prologue

Erwachen.
Dies ist ein so schönes Wort.
Wie tanzen.
Oder Tränen, welche die Wangen auf deinem Gesicht herunterlaufen.
Ich stehe auf der Bühne meines Lebens.
Bereit, gegen sie zu kämpfen.
Gegen mein Inneres Verlangen, nicht zu essen, anzukämpfen.
Ich fühle die Kälte und die Wärme, wie sie durch meinen Körper fließen.
Wie wird es sein, sie zu besiegen?
Wie wird es sein, sie zu verlieren und das Herz nicht mehr zu spüren, da es in einem
Sarg aus weißem Marmor in einem Grab begraben liegt?
Mein Gewicht fällt.
Es fällt.
Meine Augen wollen mich täuschen.
Meine Illusion noch kranker, anfälliger machen für den Schmerz in meinem Inneren.
Es fällt wie der Regen draußen auf den Straßen.
Wie wird es sein, aufzuwachen und zu wissen, dass man gegen diese Krankheit
gesiegt hat?
Wie kam ich in diesen Weg?
In den Weg in die Magersucht?
Meine müden Augen wollen mich nicht trüben.
Mein Spiegel sagt mir, dass ich dünner werden muss.
Ich sage es mir.
Es ist ein Kreislauf der Ewigkeit, sich immer zu drehen und nicht zu essen.
Meine Knochen bestehen nur noch aus Glas wie früher und sind nicht mehr von Blut
und Haut umgeben.
Ich höre dieses Lied in meinem Kopf.
Wie es zu mir spricht.
Wie ist es, von Gefühlen geleitet zu werden?
Aufzuwachen aus einem langen Schlaf?
Jemand beugt sich über mich.
Ich kann es erkennen.
Wie in meinen Träumen oder in meinen Zeiten, in denen ich meine Augen geöffnet
habe und die Welt um mich herum begrüßen will.
Ist es mein eigenes Spiegelbild, welches mich trüben will?
„Immer dünner werden muss“ sagt die verführerische Stimme in mir.
Es ist die Stimme in meinem Kopf, welche keine Ruhe geben will.
Selbst, wenn ich schlafen und somit zur Ruhe kommen will.
Nachts drehe und wende ich mein Schicksal, obwohl ich schlafen sollte, wie andere
Menschen.

Aber ich bin nicht wie andere Menschen.
Ich unterscheide mich von ihnen allen.
Sie haben meine Probleme nicht.
Die Probleme, welche ich mit in meinen Schlaf nehme.
Es ist eine Sucht.
Eine Krankheit.
Ich zerbreche das Glas des Spiegels vor mir.
Es ist wie auf dem Weg zur Besserung.
Auf dem Weg zum Sieg.
Auf den Wellen des Erfolgs zu reiten fühlt sich einfach nur gut an.
Ich bin euphorisch.
Für den Moment.
Solange bis ich wieder einschlafe und ich mich wieder sehen kann.
In dem Spiegel, der mich verführen und nicht trüben will.
Habe ich ihn nicht zerschlagen?
Das Glas in Splitter zerbrochen?
Oder ist es mein Kopf, der mir die Versprechung macht, weniger zu wiegen sei der
Erfolg aus diesem endlosen Kampf, in welchem ich mich drehe und es immer wieder
darum geht?

Janina Diestel